The Project Gutenberg EBook of Die Verschwoerung des Fiesco zu Genua by Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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Friedrich Schiller Die Verschwoerung des Fiesco zu Genua Ein republikanisches Trauerspiel. Nam id facinus inprimis ego memorabile existimo sceleris atque periculi novitate. Sallust vom Catilina. Vorrede. Die Geschichte dieser Verschwoerung habe ich vorzueglich aus des Cardinals von Retz Conjuration du Comte Jean Louis de Fiesque, der Histoire des Conjurations, Histoire de Gènes und Robertsons Geschichte Karls V.--dem dritten Theil--gezogen. Freiheiten, welche ich mir mit den Begebenheiten herausnahm, wird der Hamburgische Dramaturgist entschuldigen, wenn sie mir geglueckt sind; sind sie das nicht, so will ich doch lieber meine Phantasieen als Facta verdorben haben. Die wahre Katastrophe des Komplotts, worin der Graf durch einen ungluecklichen Zufall am Ziel seiner Wuensche zu Grunde geht, musste durchaus veraendert werden, denn die Natur des Dramas duldet den Finger des Ohngefaehrs oder der unmittelbaren Vorsehung nicht. Es sollte mich sehr wundern, warum noch kein tragischer Dichter in diesem Stoffe gearbeitet hat, wenn ich nicht Grund genug in eben dieser undramatischen Wendung faende. Hoehere Geister sehen die zarten Spinneweben einer That durch die ganze Dehnung des Weltsystems laufen und vielleicht an die entlegensten Grenzen der Zukunft und Vergangenheit anhaengen--wo der Mensch nichts, als das in freien Lueften schwebende Factum sieht. Aber der Kuenstler waehlt fuer das kurze Gesicht der Menschheit, die er belehren will, nicht fuer die scharfsichtige Allmacht, von der er lernt. Ich habe in meinen Raeubern das Opfer einer ausschweifenden Empfindung zum Vorwurf genommen.--Hier versuche ich das Gegentheil, ein Opfer der Kunst und Cabale. Aber so merkwuerdig sich auch das unglueckliche Project des Fiesco in der Geschichte gemacht hat, so leicht kann es doch diese Wirkung auf dem Schauplatz verfehlen. Wenn es wahr ist, dass nur Empfindung Empfindung weckt, so muesste, daeucht mich, der politische Held in eben dem Grade kein Subject fuer die Buehne sein, in welchem er den Menschen hintenansetzen muss, um der politische Held zu sein. Es stand daher nicht bei mir, meiner Fabel jene lebendige Gluth einzuhauchen, welche durch das lautere Product der Begeisterung herrscht; aber die kalte, unfruchtbare Staatsaction aus dem menschlichen Herzen herauszuspinnen und eben dadurch an das menschliche Herz wieder anzuknuepfen--den Mann durch den staatsklugen Kopf zu verwickeln--und von der erfindrischen Intrigue Situationen fuer die Menschheit zu entlehnen--das stand bei mir. Mein Verhaeltniss mit der buergerlichen Welt machte mich auch mit dem Herzen bekannter, als dem Kabinet, und vielleicht ist eben diese politische Schwaeche zu einer poetischen Tugend geworden. Personen des Stuecks. Andreas Doria, Doge von Genua. Ehrwuerdiger Greis von 80 Jahren. Spuren von Feuer. Ein Hauptzug: Gewicht und strenge befehlende Kuerze. Gianettino Doria, Neffe des Vorigen. Praetendent. Mann von 26 Jahren. Rauh und anstoessig in Sprache, Gang und Manieren. Baeurisch-stolz. Die Bildung zerrissen. (Beide Doria tragen Scharlach) Fiesco, Graf von Lavagna. Haupt der Verschwoerung. Junger, schlanker, bluehend-schoener Mann von 23 Jahren--stolz mit Anstand--freundlich mit Majestaet--hoeflich-geschmeidig und eben so tueckisch. (Alle Nobili gehen schwarz. Die Tracht ist durchaus altdeutsch.) Verrina, verschworner Republikaner. Mann von 60 Jahren. Schwer, ernst und duester. Tiefe Zuege. Bourgognino, Verschworner. Juengling von 20 Jahren. Edel und angenehm. Stolz, rasch und natuerlich. Calcagno, Verschworner. Hagrer Wolluestling. 30 Jahre. Bildung gefaellig und unternehmend. Sacco, Verschworner. Mann von 45 Jahren. Gewoehnlicher Mensch. Lomellino, Gianettinos Vertrauter. Ein ausgetrockneter Hofmann. Zenturione, Zibo, Asserato, Missvergnuegte. Romano, Maler. Frei, einfach und stolz. Muley Hassan, Mohr von Tunis. Ein confiscirter Mohrenkopf. Die Physiognomie eine originelle Mischung von Spitzbueberei und Laune. Deutscher der herzoglichen Leibwache. Ehrliche Einfalt. Handfeste Tapferkeit. Drei aufruehrerische Buerger. Leonore, Fiesco's Gemahlin. Dame von 18 Jahren. Blass und schmaechtig. Fein und empfindsam. Sehr anziehend, aber weniger blendend. Im Gesicht schwaermerische Melancholie. Schwarze Kleidung. Julia, Graefin Wittwe Imperiali, Dorias Schwester. Dame von 25 Jahren. Gross und voll. Stolze Kokette. Schoenheit, verdorben durch Bizarrerie. Blendend und nicht gefallend. Im Gesicht ein boeser moquanter Charakter. Schwarze Kleidung. Bertha, Verrinas Tochter. Unschuldiges Maedchen. Rosa, Arabella, Leonorens Kammermaedchen. Mehrere Nobili, Buerger, Deutsche, Soldaten, Bediente, Diebe. Der Schauplatz Genua.--Die Zeit 1547. Erster Aufzug Saal bei Fiesco Man hoert in der Ferne eine Tanzmusik und den Tumult eines Balls. Erster Auftritt. Leonore maskiert, Rosa, Arabella fliehen zerstoert auf die Buehne. Leonore (reisst die Maske ab). Nichts mehr! Kein Wort mehr! Es ist am Tag. (Sie wirft sich in einen Sessel.) Das wirft mich nieder. Arabella. Gnaedige Frau-Leonore (aufstehend). Vor meinen Augen! eine stadtkundige Kokette! im Angesicht des ganzen Adels von Genua! (Wehmuetig.) Rosa! Bella! und vor meinen weinenden Augen. Rosa. Nehmen Sie die Sache fuer Das, was sie wirklich war--eine Galanterie-Leonore. Galanterie?--und das emsige Wechselspiel ihrer Augen? das aengstliche Lauern auf ihre Spuren? der lange verweilende Kuss auf ihren entbloessten Arm, dass noch die Spur seiner Zaehne im flammrothen Fleck zurueckblieb? Ha! und die starre tiefe Betaeubung, worein er, gleich dem gemalten Entzuecken, versunken sass, als waer' um ihn her die Welt weggeblasen und er allein mit dieser Julia im ewigen Leeren? Galanterie?--gutes Ding, das noch nie geliebt hat, streite mir nicht ueber Galanterie und Liebe. Rosa. Desto besser, Madonna. Einen Gemahl verlieren heisst zehen Cicisbeo Profit machen. Leonore. Verlieren?--ein kleiner aussetzender Puls der Empfindung und Fiesco verloren? Geh, giftige Schwaetzerin--komm mir nie wieder vor die Augen!--eine unschuldige Neckerei--vielleicht eine Galanterie? Ist es nicht so, meine empfindende Bella? Arabella. O ja! ganz zuverlaessig so! Leonore (in Tiefsinn versunken). Dass sie darum in seinem Herzen sich wuesste?--dass hinter jedem seiner Gedanken ihr Name im Hinterhalt laege?--ihn anspraeche in jeder Fusstapfe der Natur?--Was ist das? wo gerath' ich hin? Dass ihm die schoene majestaetische Welt nichts waere, als der praechtige Demant, worauf nur ihr Bild--nur ihr Bild gestochen ist?--dass er sie liebte?--Julien! O deinen Arm her--halte mich, Bella! (Pause. Die Musik laesst sich von Neuem hoeren.) Leonore (aufgefahren). Horch! War das nicht die Stimme Fiescos, die aus dem Laerme hervordrang? Kann er lachen, wenn seine Leonore im Einsamen weinet? Nicht doch, mein Kind! Es war Gianettino Dorias baeurische Stimme. Arabella. Sie war's, Signora! Aber kommen Sie in ein anderes Zimmer. Leonore. Du entfaerbst dich, Bella! du luegst--ich lese in euren Augen--in den Gesichtern der Genueser ein Etwas--ein Etwas. (Sich verhuellend.) O gewiss! diese Genueser wissen mehr, als fuer das Ohr einer Gattin taugt. Rosa. O der Alles vergroessernden Eifersucht! Leonore. (schwermuethig schwaermend). Da er noch Fiesco war--dahertrat im Pomeranzenhain, wo wir Maedchen lustwandeln gingen, ein bluehender Apoll, verschmolzen in den maennlich-schoenen Antinous. Stolz und herrlich trat er daher, nicht anders, als wenn das durchlauchtige Genua auf seinen jungen Schultern sich wiegte; unsere Augen schlichen diebisch ihm nach und zuckten zurueck, wie auf dem Kirchenraub ergriffen, wenn sein wetterleuchtender Blick sie traf. Ach, Bella! wie verschlangen wir seine Blicke! wie parteiisch zaehlte sie der aengstliche Neid der Nachbarin zu! Sie fielen unter uns wie der Goldapfel des Zanks, zaertliche Augen brannten wilder, sanfte Busen pochten stuermischer, Eifersucht hatte unsere Eintracht zerrissen. Arabella. Ich besinne mich. Das ganze weibliche Genua kam in Aufruhr um diese schoene Eroberung. Leonore (begeistert). Und nun mein ihn zu nennen! verwegenes, entsetzliches Glueck! Mein Genuas groessten Mann, (mit Anmuth) der vollendet sprach aus dem Meissel der unerschoepflichen Kuenstlerin, alle Groessen seines Geschlechts im lieblichsten Schmelze verband--Hoeret, Maedchen! kann ich's nun doch nicht mehr verschweigen!--Hoeret, Maedchen, ich vertraue euch etwas, (geheimnissvoll) einen Gedanken--als ich am Altar stand neben Fiesco--seine Hand in meine Hand gelegt--hatt' ich den Gedanken, den zu denken dem Weibe verboten ist--dieser Fiesco, dessen Hand jetzt in der deinigen liegt--dein Fiesco--aber still! dass kein Mann uns belausche, wie hoch wir uns mit dem Abfall seiner Vortrefflichkeit bruesten--dieser dein Fiesco--Weh euch, wenn das Gefuehl euch nicht hoeher wirft!--wird--uns Genua von seinen Tyrannen erloesen! Arabella (erstaunt). Und diese Vorstellung kam einem Frauenzimmer am Brauttag? Leonore. Erstaune, Bella! Der Braut in der Wonne des Brauttags! (Lebhafter.) Ich bin ein Weib--aber ich fuehle den Adel meines Bluts, kann es nicht dulden, dass dieses Haus Doria ueber unsre Ahnen hinauswachsen will. Jener sanftmuethige Andreas--es ist eine Wollust, ihm gut zu sein--mag immer Herzog von Genua heissen, aber Gianettino ist sein Neffe--sein Erbe--und Gianettino hat ein freches, hochmuethiges Herz. Genua zittert vor ihm, und Fiesco, (in Wehmuth hinabgefallen) Fiesco--weinet um mich--liebt seine Schwester. Arabella. Arme, unglueckliche Frau-Leonore. Geht jetzt und sehet diesen Halbgott der Genueser im schamlosen Kreis der Schwelger und Buhldirnen setzen, ihre Ohren mit unartigem Witze kitzeln, ihnen Maerchen von verwuenschten Prinzessinnen erzaehlen--das ist Fiesco!--Ach, Maedchen! nicht Genua allein verlor seinen Helden--auch ich meinen Gemahl! Rosa. Reden Sie leiser. Man koemmt durch die Galerie. Leonore (zusammenschreckend). Fiesco kommt. Flieht! flieht! Mein Anblick koennte ihm einen trueben Augenblick machen. (Sie entspringt in ein Seitenzimmer. Die Maedchen ihr nach.) Zweiter Auftritt Gianettino Doria maskiert im gruenen Mantel. Ein Mohr. Beide im Gespraech. Gianettino. Du hast mich verstanden. Mohr. Wohl. Gianettino. Die weisse Maske. Mohr. Wohl. Gianettino. Ich sage--die weisse Maske! Mohr. Wohl! wohl! wohl! Gianettino. Hoerst du? Du kannst sie nur (auf seine Brust deutend) hieher verfehlen. Mohr. Seid unbekuemmert. Gianettino. Und einen tuechtigen Stoss! Mohr. Er soll zufrieden sein. Gianettino (haemisch). Dass der arme Graf nicht Mohr. Um Vergebung--wie schwer moechte ungefaehr sein Kopf ins Gewicht fallen? Gianettino. Hundert Zechinen schwer. Mohr (blaest durch die Finger). Puh! Federleicht! Gianettino. Was brummst du da? Mohr. Ich sag' es ist eine leichte Arbeit. Gianettino. Das ist deine Sorge. Dieser Mensch ist ein Magnet. Alle unruhigen Koepfe fliegen gegen seine Pole. Hoere, Kerl! fasse ihn ja recht. Mohr. Aber, Herr--ich muss flugs auf die That nach Venedig. Gianettino. So nimm deinen Dank voraus. (wirft ihm einen Wechsel zu.) In hoechstens drei Tagen muss er kalt sein. (Ab.) Mohr (indem er den Wechsel vom Boden nimmt). Das nenn' ich Credit! Der Herr traut meiner Jaunerparole ohne Handschrift. (Ab.) Dritter Auftritt Calcagno, hinter ihm Sacco. Beide in schwarzen Maenteln. Calcagno. Ich werde gewahr, dass du alle meine Schritte belauerst. Sacco. Und ich beobachte, dass die mir alle verbirgst. Hoere, Calcagno, seit einigen Wochen arbeitet etwas auf deinem Gesichte, das nicht geradezu just dem Vaterland gilt.--Ich daechte, Bruder, wir Beide koennten schon Geheimniss gegen Geheimniss tauschen, und am Ende haette Keiner beim Schleichhandel verloren--Wirst du aufrichtig sein? Calcagno. So sehr, dass, wenn deine Ohren nicht Lust haben, in meine Brust hinunter zu steigen, mein Herz dir halbwegs auf meiner Zunge entgegen kommen soll--Ich liebe die Graefin Fiesco. Sacco (tritt verwundernd zurueck). Wenigstens das haett' ich nicht entziffert, haette ich alle Moeglichkeiten Revue passieren lassen--Deine Wahl spannt meinen Witz auf die Folter, aber es ist um ihn geschehen, wenn sie glueckt. Calcagno. Man sagt, sie sei ein Beispiel der strengsten Tugend. Sacco. Man luegt. Sie ist das ganze Buch ueber den abgeschmackten Text. Eins von beiden, Calcagno, gib dein Gewerb oder dein Herz auf-Calcagno. Der Graf ist ihr ungetreu. Eifersucht ist die abgefeimteste Kupplerin. Ein Anschlag gegen die Doria muss den Grafen in Athem halten und mir im Palaste zu schaffen geben. Waehrend er nun den Wolf aus der Huerde scheucht, soll der Marder in seinen Huehnerstall fallen. Sacco. Unverbesserlich, Bruder! Habe Dank. Auch mich hast du ploetzlich des Rothwerdens ueberhoben. Was ich mich zu denken geschaemt habe, kann ich jetzt laut vor dir sagen. Ich bin ein Bettler, wenn die jetzige Verfassung nicht uebern Haufen faellt. Calcagno. Sind deine Schulden so gross? Sacco. So ungeheuer, dass mein Lebensfaden, achtfach genommen, am ersten Zehentheil abschnellen muss. Eine Staatsveraenderung soll mir Luft machen, hoff' ich. Wenn sie mir auch nicht zum Bezahlen hilft, soll sie doch meinen Glaeubigern das Fordern entleiden. Calcagno. Ich verstehe--und am Ende, wenn Genua bei der Gelegenheit frei wird, laesst sich Sacco Vater des Vaterlands taufen. Waerme mir Einer das verdroschene Maerchen von Redlichkeit auf, wenn der Bankerott eines Taugenichts und die Brunst eines Wolluestlings das Glueck eines Staats entscheiden. Bei Gott, Sacco! ich bewundre in uns Beiden die feine Speculation des Himmels, der das Herz des Koerpers durch die Eiterbeulen der Gliedmassen rettet--Weiss Verrina um deinen Anschlag? Sacco. So weit der Patriot darum wissen darf. Genua, weisst du selbst, ist die Spindel, um welche sich alle seine Gedanken mit einer eisernen Treue drehen. An dem Fiesco haengt jetzt sein Falkenaug. Auch dich hofft er halbwegs zu einem kuehnen Komplott. Calcagno. Er hat eine treffliche Nase. Komm, lass uns ihn aufsuchen und seinen Freiheitssinn mit dem unsrigen schueren. (Gehen ab.) Vierter Auftritt Julia erhitzt. Fiesco, der einen weissen Mantel traegt, eilt ihr nach. Julia. Lakaien! Laeufer! Fiesco. Graefin, wohin? Was beschliessen Sie? Julia. Nichts, im mindesten nichts. (Bediente.) Mein Wagen soll vorfahren. Fiesco. Sie erlauben--er soll nicht. Hier ist eine Beleidigung. Julia. Pah! doch wohl das nicht--Weg! Sie zerren mir ja die Garnierung in Stuecken--Beleidigung? Wer ist hier, der beleidigen kann? So gehen Sie doch. Fiesco (auf einem Knie.) Nicht, bis Sie mir den Verwegenen sagen. -Julia (steht still mit angestemmten Armen). Ah, schoen! schoen! sehenswuerdig! Rufe doch Jemand die Graefin von Lavagna zu diesem reizenden Schauspiel!--Wie, Graf? wo bleibt der Gemahl? Diese Stellung taugte ausnehmend in das Schlafgemach Ihrer Frau, wenn sie im Kalender ihrer Liebkosungen blaettert und einen Bruch in der Rechnung findet. Stehen Sie doch auf. Gehen Sie zu Damen, wo Sie wohlfeiler markten. So stehen Sie doch auf. Oder wollen Sie die Impertinenzen Ihrer Frau mit Ihren Galanterieen abbuessen? Fiesco (springt auf). Impertinenzen? Ihnen? Julia. Aufzubrechen--den Sessel zurueckzustossen--der Tafel den Ruecken zu kehren--der Tafel, Graf! an der ich sitze. Fiesco. Es ist nicht zu entschuldigen. Julia. Und mehr ist es nicht?--Ueber die Fratze! und ist es denn meine Schuld, (sich belaechelnd) dass der Graf seine Augen hat? Fiesco. Das Verbrechen Ihrer Schoenheit, Madonna, dass er sie nicht ueberall hat. Julia. Keine Delicatesse, Graf, wo die Ehre das Wort fuehrt. Ich fordre Genugthuung. Finde ich sie bei Ihnen? oder hinter den Donnern des Herzogs? Fiesco. In den Armen der Liebe, die Ihnen den Misstritt der Eifersucht abbittet. Julia. Eifersucht? Eifersucht? Was will denn das Koepfchen? (Vor einem Spiegel gesticulierend.) Ob sie wohl eine bessere Fuersprache fuer ihren Geschmack zu erwarten hat, als wenn ich ihn fuer den meinigen erklaere? (Stolz.) Doria und Fiesco?--ob sich die Graefin von Lavagna nicht geehrt fuehlen muss, wenn die Nichte des Herzogs ihre Wahl beneidenswuerdig findet? (Freundlich, indem sie dem Grafen ihre Hand zum Kuessen reicht.) Ich setze den Fall, Graf, dass ich sie so faende. Fiesco (lebhaft). Grausamste, und mich dennoch zu quaelen!--Ich weiss es, goettliche Julia, dass ich nur Ehrfurcht gegen Sie fuehlen sollte. Meine Vernunft heisst mich das Knie des Unterthans vor dem Blut Dorias beugen, aber mein Herz betet die schoene Julia an. Eine Verbrecherin ist meine Liebe, aber eine Heldin zugleich, die kuehn genug ist, die Ringmauer des Rangs durchzubrechen und gegen die verzehrende Sonne der Majestaet anzufliegen. Julia. Eine grosse, grosse, graefliche Luege, die auf Stelzen heranhinkt--Seine Zunge vergoettert mich, sein Herz huepft unter dem Schattenriss einer Andern. Fiesco. Oder besser, Signora, es schlaegt unwillig dagegen und will ihn hinwegdruecken. (Indem er die Silhouette Leonorens, die an einem himmelblauen Bande haengt, herabnimmt und sie der Julia ueberliefert.) Stellen Sie Ihr Bild an diesem Altar auf, so koennen Sie diesen Goetzen zerstoeren. Julia (steckt das Bild hastig zu sich, vergnuegt). Ein grosses Opfer, bei meiner Ehre, das meinen Dank verdient. (Sie haengt ihm die ihrige um.) So, Sklave! trage die Farbe deines Herrn. (Sie geht ab.) Fiesco (mit Feuer). Julia liebt mich! Julia! Ich beneide keinen Gott. (Frohlockend im Saal.) Diese Nacht sei eine Festnacht der Goetter, die Freude soll ihr Meisterstueck machen. Holla! holla! (Menge Bediente.) Der Boden meiner Zimmer lecke cyprischen Nektar, Musik laerme die Mitternacht aus ihrem bleiernen Schlummer auf, tausend brennende Lampen spotten die Morgensonne hinweg--Allgemein sei die Lust, der bacchantische Tanz stampfe das Todtenreich in polternde Truemmer! (Er eilt ab. Rauschendes Allegro, unter welchem der Mittelvorhang aufgezogen wird und einen grossen illuminierten Saal eroeffnet, worin viele Masken tanzen. Zur Seite Schenk--und Spieltische von Gaesten besetzt.) Fuenfter Auftritt Gianettino halb betrunken. Lomellin. Zibo. Zenturione. Verrina. Sacco. Calcagno. Alle maskiert. Mehrere Damen und Nobili. Gianettino (laermend). Bravo! Bravo! Diese Weine glitschen herrlich, unsre Taenzerinnen springen à merveille. Geh Einer von euch, streu' es in Genua aus, ich sei heitern Humors, man koenne sich guetlich thun--Bei meiner Geburt! sie werden den Tag roth im Kalender zeichnen und drunter schreiben: Heute war Prinz Doria lustig. Gaeste (setzen die Glaeser an). Die Republik! (Trompetenstoss.) Gianettino (wirft das Glas mit Macht auf die Erde). Hier liegen die Scherben. (Drei schwarze Masken fahren auf, versammeln sich um Gianettino.) Lomellin (fuehrt den Prinzen vor). Gnaediger Herr, Sie sagten mir neulich von einem Frauenzimmer, das Ihnen in der Lorenzokirche begegnete? Gianettino. Das hab' ich auch, Bursche, und muss ihre Bekanntschaft haben. Lomellin. Die kann ich Eurer Gnaden verschaffen. Gianettino (rasch). Kannst du? Kannst du? Lomellin, du hast dich neulich zur Procuratorwuerde gemeldet. Du sollst sie erhalten. Lomellin. Gnaediger Prinz, es ist die zweite im Staat, mehr denn sechzig Edelleute bewerben sich darum, alle reicher und angesehener, als Euer Gnaden unterthaeniger Diener. Gianettino (schnaubt ihn trotzig an). Donner und Doria! Du sollst Procurator werden. (Die drei Masken kommen vorwaerts.) Adel in Genua? Lass sie all ihre Ahnen und Wappen zumal in die Wagschale schmeissen, was braucht es mehr, als ein Haar aus dem weissen Bart meines Onkels, Genuas ganze Adelschaft in alle Luefte zu schnellen? Ich will, du sollst Procurator sein, das ist so viel als alle Stimmen der Signoria. Lomellin (leiser). Das Maedchen ist die einzige Tochter eines gewissen Verrina. Gianettino. Das Maedchen ist huebsch, und trutz allen Teufeln! muss ich sie brauchen. Lomellin. Gnaediger Herr! das einzige Kind des starrkoepfigsten Republikaners! Gianettino. Geh in die Hoelle mit deinem Republikaner! Der Zorn eines Vasallen und meine Leidenschaft! Das heisst, der Leuchtthurm muss einstuerzen, wenn Buben mit Muscheln darnach werfen. (Drei schwarze Masken treten mit grossen Bewegungen naeher.) Hat darum Herzog Andreas seine Narben geholt in den Schlachten dieser Lumpenrepublikaner, dass sein Neffe die Gunst ihrer Kinder und Braeute erbetteln soll? Donner und Doria! diesen Gelust muessen sie niederschlucken, oder ich will ueber den Gebeinen meines Oheims einen Galgen aufpflanzen, an dem sich ihre genuesische Freiheit zu Tod zappeln soll. (Die drei Masken treten zurueck.) Lomellin. Das Maedchen ist eben jetzt allein. Ihr Vater ist hier und eine von den drei Masken. Gianettino. Erwuenscht, Lomellin. Gleich bringe mich zu ihr. Lomellin. Aber Sie werden eine Buhlerin suchen und eine Empfindlerin finden. Gianettino. Gewalt ist die beste Beredsamkeit. Fuehre mich alsobald hin; den republikanischen Hund will ich sehen, der am Baeren Doria hinaufspringt. (Fiesco begegnet ihm an der Thuer.) Wo ist die Graefin? Sechster Auftritt Vorige. Fiesco. Fiesco. Ich habe sie in den Wagen gehoben. (Er fasst Gianettinos Hand und haelt sie gegen seine Brust.) Prinz, ich bin jetzt doppelt in Ihren Banden. Gianettino herrscht ueber meinen Kopf und Genua; ueber mein Herz Ihre liebenswuerdige Schwester. Lomellin. Fiesco ist ganz Epikuraeer worden. Die grosse Welt hat viel an Ihnen verloren. Fiesco. Aber Fiesco nichts an der grossen Welt. Leben heisst traeumen; weise sein, Lomellin, heisst angenehm traeumen. Kann man das besser unter den Donnern des Throns, wo die Raeder der Regierung ewig ins gellende Ohr krachen, als am Busen eines schmachtenden Weibs? Gianettino Doria mag ueber Genua herrschen. Fiesco wird lieben. Gianettino. Brich auf, Lomellin! Es wird Mitternacht. Die Zeit rueckt heran. Lavagna, wir danken fuer deine Bewirtung. Ich war zufrieden. Fiesco. Das ist alles, was ich wuenschen kann, Prinz. Gianettino. Also gute Nacht. Morgen ist Spiel bei Doria, und Fiesco ist eingeladen. Komm, Procurator. Fiesco. Musik! Lichter! Gianettino (trotzig durch die drei Masken). Platz dem Namen des Herzogs. Eine von den drei Masken (murmelt unwillig). In der Hoelle! Niemals in Genua! Gaeste (in Bewegung). Der Prinz bricht auf. Gute Nacht, Lavagna! (Taumeln hinaus.) Siebenter Auftritt Die drei schwarzen Masken. Fiesco. Pause. Fiesco. Ich werde hier Gaeste gewahr, die die Freuden meines Festes nicht theilen. Masken (murmeln verdriesslich durcheinander). Nicht Einer. Fiesco (verbindlich). Sollte mein guter Wille einen Genueser missvergnuegt weglassen? Hurtig, Lakaien! man soll den Ball erneuern und die grossen Pokale fuellen. Ich wollte nicht, dass Jemand hier Langeweile haette. Darf ich Ihre Augen mit Feuerwerken ergoetzen? Wollen Sie die Kuenste meines Harlekins hoeren? Vielleicht finden Sie bei meinem Frauenzimmer Zerstreuung? Oder wollen wir uns zum Pharao setzen und die Zeit mit Spielen betruegen? Eine Maske. Wir sind gewohnt, die mit Thaten zu bezahlen! Fiesco. Eine maennliche Antwort, und--das ist Verrina. Verrina (nimmt die Maske ab). Fiesco findet seine Freunde geschwinder in ihren Masken, als sie ihn in der seinigen. Fiesco. Ich verstehe das nicht. Aber was soll der Trauerflor an deinem Arm? Sollte Verrina Jemand begraben haben und Fiesco nichts darum wissen? Verrina. Trauerpost taugt nicht fuer Fiescos lustige Feste. Fiesco. Doch, wenn ein Freund ihn auffordert. (Drueckt seine Hand mit Waerme.) Freund meiner Seele! wer ist uns Beiden gestorben? Verrina. Beiden! Beiden! O allzuwahr!--Aber nicht alle Soehne trauern um ihre Mutter. Fiesco. Deine Mutter ist lange vermodert. Verrina (bedeutend). Ich besinne mich, dass Fiesco mich Bruder nannte, weil ich der Sohn seines Vaterlands war. Fiesco (scherzhaft). Ah! ist es das? Also auf einen Spass war es abgezielt? Trauerkleider um Genua! und es ist wahr, Genua liegt wirklich in letzten Zuegen. Der Gedanke ist einzig und neu. Unser Vetter faengt an, ein witziger Kopf zu werden! Calcagno. Er hat es ernsthaft gesagt, Fiesco! Fiesco. Freilich! freilich! Das war's eben. So trocken weg und so weinerlich. Der Spass verliert Alles, wenn der Spassmacher selber lacht. Mit einer wahren Leichenbittersmiene! Haett' ich's je gedacht, dass der finstre Verrina in seinen alten Tagen noch ein so lustiger Vogel wuerde! Sacco. Verrina, komm! Er ist nimmermehr unser. Fiesco. Aber lustig weg, Landsmann. Lass uns aussehen wie listige Erben, die heulend hinter der Bahre gehen und desto lauter ins Schnupftuch lachen. Doch duerften wir dafuer eine harte Stiefmutter kriegen. Sei's drum, wir lassen sie keifen, und schmausen. Verrina (heftig bewegt). Himmel und Erde! und thun nichts?--Wo bist du hingekommen, Fiesco? Wo soll ich den grossen Tyrannenhasser erfragen? Ich weiss eine Zeit, wo du beim Anblick einer Krone Gichter bekommen haettest.--Gesunkener Sohn der Republik! du wirst's verantworten, dass ich keinen Heller um meine Unsterblichkeit gebe, wenn die Zeit auch Geister abnuetzen kann. Fiesco. Du bist der ewige Grillenfaenger. Mag er Genua in die Tasche stecken und einem Kaper von Tunis verschachern, was kuemmert's uns? Wir trinken Cyprier und kuessen schoene Maedchen. Verrina (blickt ihn ernst an). Ist das deine wahre, ernstliche Meinung? Fiesco. Warum nicht, Freund? Ist es denn eine Wollust, der Fuss des traegen, vielbeinigen Thiers Republik zu sein? Dank' es Dem, der ihm Fluegel gibt und die Fuesse ihrer Aemter entsetzt. Gianettino Doria wird Herzog. Staatsgeschaefte werden uns keine grauen Haare mehr machen. Verrina. Fiesco?--ist das deine wahre, ernstliche Meinung? Fiesco. Andreas erklaert seinen Neffen zum Sohn und Erben seiner Gueter, wer wird der Thor sein, ihm das Erbe seiner Macht abzustreiten? Verrina (mit aeusserstem Unmut). So kommt, Genueser! (Er verlaesst den Fiesco schnell, die Andern folgen.) Fiesco. Verrina!--Verrina!--dieser Republikaner ist hart wie Stahl!-- Achter Auftritt Fiesco. Eine unbekannte Maske. Maske. Haben Sie eine Minute uebrig, Lavagna? Fiesco (zuvorkommend). Fuer Sie eine Stunde! Maske. So haben Sie die Gnade, einen Gang mit mir vor die Stadt zu thun. Fiesco. Es ist funfzig Minuten auf Mitternacht. Maske. Sie haben die Gnade, Graf. Fiesco. Ich werde anspannen lassen. Maske. Das ist nicht noethig. Ich schicke ein Pferd voraus. Mehr braucht es nicht, denn ich hoffe, es soll nur Einer zurueckkommen. Fiesco (betreten). Und? Maske. Man wird Ihnen auf eine gewisse Thraene eine blutige Antwort abfordern. Fiesco. Diese Thraene? Maske. Einer gewissen Graefin von Lavagna. Ich kenne diese Dame sehr gut und will wissen, womit sie verdient hat, das Opfer einer Naerrin zu werden? Fiesco. Jetzt verstehe ich Sie. Darf ich den Namen dieses seltsamen Aufforderers wissen? Maske. Es ist der naemliche, der das Fraeulein von Zibo einst anbetete und vor dem Braeutigam Fiesco zurueck trat. Fiesco. Scipio Bourgognino! Bourgognino (nimmt die Maske ab). Und der jetzt da ist, seine Ehre zu loesen, die einem Nebenbuhler wich, der klein genug denkt, die Sanftmuth zu quaelen. Fiesco (umarmt ihn mit Feuer). Edler junger Mann! Gedankt sei's dem Leiden meiner Gemahlin, das mir eine so werthe Bekanntschaft macht. Ich fuehle die Schoenheit Ihres Unwillens, aber ich schlage mich nicht. Bourgognino (einen Schritt zurueck). Der Graf von Lavagna waere zu feig, sich gegen die Erstlinge meines Schwertes zu wagen? Fiesco. Bourgognino! gegen die ganze Macht Frankreichs, aber nicht gegen Sie! Ich ehre dieses liebe Feuer fuer einen lieberen Gegenstand. Einen Lorbeer verdient der Wille, aber die That waere kindisch. Bourgognino (erregt). Kindisch! Graf? Das Frauenzimmer kann ueber Misshandlung nur weinen--wofuer ist der Mann da? Fiesco. Ungemein gut gesagt, aber ich schlage mich nicht. Bourgognino (dreht ihm den Ruecken, will gehen). Ich werde Sie verachten. Fiesco (lebhaft). Bei Gott, Juengling! das wirst du nie, und wenn die Tugend im Preis fallen sollte. (Fasst ihn bedaechtlich bei der Hand.) haben Sie jemals etwas gegen mich gefuehlt, das man--wie soll ich sagen?--Ehrfurcht nennt? Bourgognino. Waer' ich einem Mann gewichen, den ich nicht fuer den ersten der Menschen erklaerte? Fiesco. Also, mein Freund! einen Mann, der einst meine Ehrfurcht verdiente, wuerde ich--etwas langsam verachten lernen. Ich daechte doch, das Gewebe eines Meisters sollte kuenstlicher sein, als dem fluechtigen Anfaenger so geradezu in die Augen zu springen--Gehen Sie heim, Bourgognino, und nehmen Sie sich Zeit, zu ueberlegen, warum Fiesco so und nicht anders handelt. (Bourgognino geht stillschweigend ab.) Fahr hin, edler Juengling! Wenn diese Flammen ins Vaterland schlagen, moegen die Doria fest stehen. Neunter Auftritt Fiesco. Der Mohr tritt schuechtern herein und sieht sich ueberall sorgfaeltig um. Fiesco (fasst ihn scharf und lang ins Auge). Was willst du, und wer bist du? Mohr (wie oben). Ein Sklave der Republik. Fiesco. Sklaverei ist ein elendes Handwerk. (Immer ein scharfes Aug auf ihn.) Was suchst du? Mohr. Herr, ich bin ein ehrlicher Mann. Fiesco. Haeng' immer diesen Schild vor dein Gesicht hinaus, das wird nicht ueberfluessig sein--aber was suchst du? Mohr (sucht ihm naeher zu kommen, Fiesco weicht aus). Herr, ich bin kein Spitzbube. Fiesco. Es ist gut, dass du das beifuegst, und--doch wieder nicht gut. (Ungeduldig.) Aber was suchst du? Mohr (rueckt wieder naeher). Seid Ihr der Graf Lavagna? Fiesco (stolz). Die Blinden in Genua kennen meinen Tritt.--Was soll dir der Graf? Mohr. Seid auf Eurer Hut, Lavagna. (Hart an ihn.) Fiesco (springt auf die andere Seite). Das bin ich wirklich. Mohr (wie oben). Man hat nichts Guts gegen Euch vor, Lavagna. Fiesco (retiriert sich wieder). Das seh' ich. Mohr. Huetet Euch vor dem Doria. Fiesco (tritt ihm vertraut naeher). Freund! sollt' ich dir doch wohl Unrecht getan haben? Diesen Namen fuerchte ich wirklich. Mohr. So flieht vor dem Mann. Koennt Ihr lesen? Fiesco. Eine kurzweilige Frage. Du bist bei manchem Cavalier herumgekommen. Hast du was Schriftliches? Mohr. Euren Namen bei armen Suendern. (Er reicht ihm einen Zettel und nistet sich hart an ihn. Fiesco tritt vor einen Spiegel und schielt ueber das Papier. Der Mohr geht lauernd um ihn herum, endlich zieht er den Dolch und will stossen.) Fiesco (dreht sich geschickt und faehrt nach dem Arm des Mohren). Sachte, Canaille! (Entreisst ihm den Dolch.) Mohr (stampft wild auf den Boden). Teufel--Bitt' um Vergebung. (Will sich abfuehren.) Fiesco (packt ihn, mit starker Stimme). Stephano! Drullo! Antonio! (Den Mohren an der Gurgel.) Bleib, guter Freund! Hoellische Bueberei! (Bediente.) Bleib und antworte! Du hast schlechte Arbeit gemacht; an wen hast du dein Taglohn zu fordern? Mohr (nach vielen vergeblichen Versuchen, sich wegzustehlen, entschlossen). Man kann mich nicht hoeher haengen, als der Galgen ist. Fiesco. Nein, troeste dich! Nicht an die Hoerner des Monds, aber doch hoch genug, dass du den Galgen fuer einen Zahnstocher ansehen sollst. Doch deine Wahl war zu staatsklug, als dass ich sie deinem Mutterwitz zutrauen sollte. Sprich also, wer hat dich gedungen? Mohr. Herr, einen Schurken koennt ihr mich schimpfen, aber den Dummkopf verbitt' ich. Fiesco. Ist die Bestie stolz. Bestie, sprich, wer hat dich gedungen? Mohr (nachdenkend). Hum! so waer' ich doch nicht allein der Narr! --wer mich gedungen hat?--und waren's doch nur hundert magre Zechinen! --Wer mich gedungen hat?--Prinz Gianettino. Fiesco (erbittert auf und nieder). Hundert Zechinen und nicht mehr fuer des Fiesco Kopf. (Haemisch.) Schaeme dich, Kronprinz von Genua. (Noch einer Schatulle eilend.) Hier, Bursche, sind tausend, und sag deinem Herrn--er sei ein knickiger Moerder! (Mohr betrachtet ihn vom Fuss bis zum Wirbel.) Fiesco. Du besinnst dich, Bursche? Mohr (nimmt das Geld, setzt es nieder, nimmt es wieder und besieht ihn mit immer steigendem Erstaunen). Fiesco. Was machst, Bursche? Mohr (wirft das Geld entschlossen auf den Tisch). Herr--das Geld hab' ich nicht verdient. Fiesco. Schafskopf von einem Jauner! den Galgen hast du verdient. Der entruestete Elephant zertritt Menschen, aber nicht Wuermer. Dich wuerd' ich haengen lassen, wenn es mich nur so viel mehr als zwei Worte kostete. Mohr (mit einer frohen Verbeugung). Der Herr sind gar zu guetig. Fiesco. Behuete Gott! nicht gegen dich. Es gefaellt mir nun eben, dass meine Laune einen Schurken, wie du bist, zu etwas und nichts machen kann, und darum gehst du frei aus. Begreife mich recht. Dein Ungeschick ist mir ein Unterpfand des Himmels, dass ich zu etwas Grossem aufgehoben bin, und darum bin ich gnaedig, und du gehst frei aus. Mohr (treuherzig). Schlagt ein, Lavagna! Eine Ehre ist der andern werth. Wenn Jemand auf dieser Halbinsel eine Gurgel fuer Euch ueberzaehlig hat, befehlt! und ich schneide sie ab, unentgeldlich. Fiesco. Eine hoefliche Bestie! Sie will sich mit fremder Leute Gurgeln bedanken. Mohr. Wir lassen uns nichts schenken, Herr! Unser eins hat auch Ehre im Leibe. Fiesco. Die Ehre der Gurgelschneider? Mohr. Ist wohl feuerfester als Eurer ehrlichen Leute: sie brechen ihre Schwuere dem lieben Herrgott; wir halten sie puenktlich dem Teufel. Fiesco. Du bist ein drolligter Jauner. Mohr. Freut mich, dass Ihr Geschmack an mir findet. Setzt mich erst auf die Probe, Ihr werdet einen Mann kennen lernen, der sein Exercitium aus dem Stegreif macht. Fordert mich auf. Ich kann Euch von jeder Spitzbubenzunft ein Testimonium aufweisen, von der untersten bis zur hoechsten. Fiesco. Was ich nicht hoere! (Indem er sich niedersetzt.) Also auch Schelmen erkennen Gesetzt und Rangordnung? Lass mich doch von der untersten hoeren. Mohr. Pfui, gnaediger Herr! das ist das veraechtliche Heer der langen Finger. Ein elend Gewerb, das keinen grossen Mann ausbruetet, arbeitet nur auf Karbatsche und Raspelhaus und fuehrt--hoechstens zum Galgen. Fiesco. Ein reizendes Ziel. Ich bin auf die bessre begierig. Mohr. Das sind die Spionen und Maschinen. Bedeutende Herren, denen die Grossen ein Ohr leihen, wo sie ihre Allwissenheit holen; die sich wie Blutigel in Seelen einbeissen, das Gift aus dem Herzen schluerfen und an die Behoerde speien. Fiesco. Ich kenne das--fort! Mohr. Der Rang trifft nunmehr die Meuter, Giftmischer und Alle, die ihren Mann lang hinhalten und aus dem Hinterhalt fassen. Feige Memmen sind's oft, aber doch Kerls, die dem Teufel das Schulgeld mit ihrer armen Seele bezahlen. Hier thut die Gerechtigkeit schon etwas Uebriges, strickt ihre Knoechel aufs Rad und pflanzt ihre Schlaukoepfe auf Spiesse. Das ist die dritte Zunft. Fiesco. Aber, sprich doch, wann wird die deinige kommen? Mohr. Blitz, gnaediger Herr! das ist eben der Pfiff. Ich bin durch diese alle gewandert. Mein Genie geilte fruehzeitig ueber jedes Gehege. Gestern Abend macht' ich mein Meisterstueck in der dritten, vor einer Stunde war ich--ein Stuemper in der vierten. Fiesco. Diese waere also? Mohr (lebhaft). Das sind Maenner, (in Hitze) die ihren Mann zwischen vier Mauern aufsuchen, durch die Gefahr eine Bahn sich hauen, ihm gerade zu Leib gehen, mit dem ersten Gruss ihm den Grossdank fuer den zweiten ersparen. Unter uns! man nennt sie nur die Extrapost der Hoelle. Wenn Mephistopheles einen Gelust bekommt, braucht's nur einen Wink, und er hat den Braten noch warm. Fiesco. Du bist ein hartgesottener Suender. Einen solchen vermisste ich laengst. Gib mir deine Hand. Ich will dich bei mir behalten. Mohr. Ernst oder Spass? Fiesco. Mein voelliger Ernst, und gebe dir tausend Zechinen des Jahrs. Mohr. Topp, Lavagna! Ich bin Euer, und zum Henker fahre das Privatleben. Braucht mich, wozu Ihr wollt. Zu Eurem Spuerhund, zu Eurem Parforce-Hund, zu Eurem Fuchs, zu Eurer Schlange, zu Eurem Kuppler und Henkersknecht. Herr, zu allen Commissionen, nur bei Leibe! zu keiner ehrlichen--dabei benehm' ich mich plump wie Holz. Fiesco. Sei unbesorgt! Wem ich ein Lamm schenken will, lass' ich's durch keinen Wolf ueberliefern. Geh also gleich morgen durch Genua und suche die Witterung des Staats. Lege dich wohl auf Kundschaft, wie man von der Regierung denkt und vom Haus Doria fluestert, sondiere daneben, was meine Mitbuerger von meinem Schlaraffenleben und meinem Liebesroman halten. Ueberschwemme ihre Gehirne mit Wein, bis ihre Herzensmeinungen ueberlaufen. Hier hast du Geld. Spende davon unter den Seidenhaendlern aus. Mohr (sieht ihn nachdenklich an). Herr-Fiesco. Angst darf dir nicht werden. Es ist nichts Ehrliches--Geh! rufe deine ganze Bande zu Hilfe. Morgen will ich deine Zeitungen hoeren. (Er geht ab.) Mohr (ihm nach). Verlasst Euch auf mich. Jetzt ist's frueh vier Uhr. Morgen um Acht habt Ihr so viel Neues erfahren, als in zweimal siebenzig Ohren geht. (Ab.) Zehnter Auftritt Zimmer bei Verrina. Bertha ruecklings in einem Sopha, den Kopf in die Hand geworfen. Verrina duester hereintretend. Bertha (erschrickt, springt auf). Himmel! da ist er! Verrina (steht still, besieht sie befremdet). An ihrem Vater erschrickt meine Tochter? Bertha. Fliehen Sie! Lassen Sie mich fliehen! Sie sind schrecklich, mein Vater. Verrina. Meinem einzigen Kinde? Bertha (mit einem schweren Blick auf ihn). Nein! Sie muessen noch eine Tochter haben. Verrina. Drueckt dich meine Zaertlichkeit zu schwer? Bertha. Zu Boden, Vater. Verrina. Wie? welcher Empfang, meine Tochter? Sonst, wenn ich nach Hause kam, Berge auf meinem Herzen, huepfte mir meine Bertha entgegen, und meine Bertha lachte sie weg. Komm, umarme mich, Tochter. An dieser gluehenden Brust soll mein Herz wieder erwarmen, das am Todtenbett des Vaterlands einfriert. O mein Kind! Ich habe heute Abrechnung gehalten mit allen Freuden der Natur, und (aeusserst schwer) nur du bist mir geblieben. Bertha (misst ihn mit einem langen Blick). Ungluecklicher Vater! Verrina (umarmt sie beklemmt). Bertha! mein einziges Kind! Bertha! meine letzte uebrige Hoffnung!--Genuas Freiheit ist dahin--Fiesco hin--(indem er sie heftiger drueckt, durch die Zaehne) Werde du eine Hure-Bertha (reisst sich aus seinen Armen). Heiliger Gott! Sie wissen?-Verrina (steht bebend still). Was? Bertha. Meine jungfraeuliche Ehre-Verrina (wuethend). Was? Bertha. Diese Nacht-Verrina (wie ein Rasender). Was? Bertha. Gewalt! (Sinkt am Sopha nieder.) Verrina (nach einer langen schreckhaften Pause mit dumpfer Stimme). Noch ein Athemzug, Tochter--den letzten! (Mit hohlem gebrochnem Ton.) Wer? Bertha. Weh mir, nicht diesen todtenfarben Zorn! Helfe mir Gott! er stammelt und zittert. Verrina. Ich wuesste doch nicht--meine Tochter! Wer? Bertha. Ruhig! ruhig! mein bester, mein theurer Vater. Verrina. Um Gotteswillen--Wer? (will vor ihr niederfallen.) Bertha. Eine Maske. Verrina (tritt zurueck, nach einem stuermischen Nachdenken). Nein! das kann nicht sein! Den Gedanken sendet mir Gott nicht. (Lacht grass auf.) Alter Geck! als wenn alles Gift nur aus einer und eben der Kroete spritzte? (Zu Bertha gefasster.) Die Person, wie die meinige, oder kleiner? Bertha. Groesser. Verrina (rasch). Die Haare schwarz? kraus? Bertha. Kohlschwarz und kraus. Verrina (taumelt von ihr hinweg). Gott! mein Kopf! mein Kopf--die Stimme? Bertha. Rauh, eine Bassstimme. Verrina (heftig). Von welcher Farbe? Nein! ich will nicht mehr hoeren!--der Mantel--von welcher Farbe? Bertha. Der Mantel gruen, wie mich daeuchte. Verrina (haelt beide Haende vors Gesicht und wankt in den Sopha). Sei ruhig. Es ist nur ein Schwindel, meine Tochter. (Laesst die Haende sinken; ein Todtengesicht.) Bertha (die Haende ringend). Barmherziger Himmel! das ist mein Vater nicht mehr. Verrina (nach einer Pause mit bitterm Gelaechter). Recht so! recht so! Memme Verrina!--dass der Bube in das Heiligthum der Gesetze griff--diese Aufforderung war dir zu matt--der Bube musste noch ins Heiligthum deines Bluts greifen--(Springt auf.) Geschwind! rufe den Nicolo--Blei und Pulver--oder halt! halt! ich besinne mich eben anders--besser--Hole mein Schwert herbei, bet' ein Vaterunser. (Die Hand vor die Stirne.) Was will ich aber? Bertha. Mir ist sehr bange, mein Vater. Verrina. Komm, setzt dich zu mir. (Bedeutend.) Bertha, erzaehle mir--Bertha, was that jener eisgraue Roemer, als man seine Tochter auch so--wie nenn ich's nun--auch so artig fand, seine Tochter? Hoere Bertha, was sagte Virginius zu seiner verstuemmelten Tochter? Bertha (mit Schaudern). Ich weiss nicht, was er sagte. Verrina. Naerrisches Ding--Nichts sagte er. (Ploetzlich auf, fasst ein Schwert.) Nach einem Schlachtmesser griff er-Bertha (stuerzt ihm erschrocken in die Arme). Grosser Gott! was wollen Sie thun? Verrina (wirft das Schwert ins Zimmer). Nein! noch ist Gerechtigkeit in Genua! Eilfter Auftritt Sacco. Calcagno. Vorige. Calcagno. Verrina, geschwind! Mache dich fertig. Heute hebt die Wahlwoche der Republik an. Wir wollen frueh in die Signoria, die neuen Senatoren waehlen. Die Gassen wimmeln von Volk. Der ganze Adel stroemt nach dem Rathhaus. Du begleitest uns doch, (spoettisch) den Triumph unsrer Freiheit zu sehen. Sacco. Ein Schwert liegt im Saal. Verrina schaut wild. Bertha hat rothe Augen. Calcagno. Bei Gott! das nehm' ich nun auch gewahr--Sacco, hier ist ein Unglueck geschehen. Verrina (stellt zwei Sessel hin). Setzt euch. Sacco. Freund, du erschreckst uns. Calcagno. So sah ich dich nie, Freund. Haette nicht Bertha geweint, ich wuerde fragen: geht Genua unter? Verrina (fuerchterlich). Unter! Sitzt nieder! Calcagno (erschrocken, indem sich Beide setzen). Mann! Ich beschwoere dich! Verrina. Hoeret! Calcagno. Was ahnet mir, Sacco? Verrina. Genueser--ihr Beide kennt das Alterthum meines Namens. Eure Ahnen haben den meinigen die Schleppe getragen. Meine Vaeter fochten die Schlachten des Staats. Meine Muetter waren Muster der Genueserinnen. Ehre war unser einziges Capital und erbte vom Vater zum Sohn--oder wer weiss es anders? Sacco. Niemand. Calcagno. So wahr Gott lebt, Niemand. Verrina. Ich bin der letzte meines Geschlechts. Mein Weib liegt begraben. Diese Tochter ist ihr einziges Vermaechtniss. Genueser, ihr seid Zeugen, wie ich sie erzog. Wird Jemand auftreten und Klage fuehren, dass ich meine Bertha verwahrloste? Calcagno. Deine Tochter ist ein Muster im Lande. Verrina. Freunde! ich bin ein alter Mann. Verliere ich diese, darf ich keine mehr hoffen. Mein Gedaechtniss loescht aus. (Mit einer schrecklichen Wendung.) Ich habe sie verloren. Infam ist mein Stamm. Beide. (in Bewegung). Das wolle Gott verhueten! (Bertha waelzt sich jammernd im Sopha.) Verrina. Nein! Verzweifle nicht, Tochter. Diese Maenner sind tapfer und gut. Beweinen dich diese, wird's irgendwo bluten.--Seht nicht so betroffen aus, Maenner. (Langsam, mit Gewicht.) Wer Genua unterjocht, kann doch wohl ein Maedchen bezwingen? Beide (fahren auf, werfen die Sessel zurueck). Gianettino Doria! Bertha (mit einem Schrei). Stuerzt ueber mich, Mauern! mein Scipio! Zwoelfter Auftritt Bourgognino. Vorige. Bourgognino (erhitzt). Springe hoch, Maedchen! Eine Freudenpost! --Edler Verrina, ich komme, meinen Himmel auf Ihre Zunge zu setzen. Schon laengst liebte ich Ihre Tochter, und nie durft' ich es wagen, um ihre Hand zu bitten, weil mein ganzes Vermoegen auf falschen Brettern von Coromandel schwamm. Eben jetzt fliegt meine Fortuna wohlbehalten in die Rhede und fuehrt, wie sie sagen, unermessliche Schaetze mit. Ich bin ein reicher Mann. Schenken Sie mir Bertha, ich mache sie gluecklich. (Bertha verhuellt sich, grosse Pause.) Verrina (bedaechtlich zu Bourgognino). Haben Sie Lust, junger Mensch, Ihr Herz in eine Pfuetze zu werfen? Bourgognino (greift nach dem Schwert, zieht aber ploetzlich die Hand zurueck). Das sprach der Vater-Verrina. Das spricht jeder Schurk' in Italien. Nehmen Sie mit dem Abtrag von anderer Leute Gastung vorlieb? Bourgognino. Mach mich nicht wahnwitzig, Graukopf! Calcagno. Bourgognino, wahr spricht der Graukopf. Bourgognino (auffahrend, gegen Bertha stuerzend). Wahr spricht er? Mich haette eine Dirne genarrt? Calcagno. Bourgognino, nicht da hinaus. Das Maedchen ist engelrein. Bourgognino (steht erstaunt still). Nun! so wahr ich selig werden will. Rein und entehrt. Ich habe keinen Sinn fuer das.--Sie sehen sich an und sind stumm. Irgend ein Unhold von Missethat zuckt auf ihren bebenden Zungen. Ich beschwoere euch! Schiebt meine Vernunft nicht im Kurzweil herum. Rein waere sie? Wer sagte rein? Verrina. Mein Kind ist nicht schuldig. Bourgognino. Also Gewalt! (Fasst das Schwert von dem Boden.) Genueser! bei allen Suenden unter dem Mond! Wo--wo find' ich den Raeuber? Verrina. Eben dort, wo du den Dieb Genuas findest.--(Bourgognino erstarrt. Verrina geht gedankenvoll auf und nieder, dann steht er still.) Verrina. Wenn ich deinen Wink verstehe, ewige Vorsicht, so willst du Genua durch meine Bertha erloesen! (Er tritt zu ihr, indem er den Trauerflor langsam von seinem Arme wickelt, darauf feierlich.) Eh das Herzblut eines Doria diesen haesslichen Flecken aus deiner Ehre waescht, soll kein Strahl des Tages auf diese Wangen fallen. Bis dahin--(er wirft den Flor ueber sie) verblinde! (Pause. Die Uebrigen sehen ihn schweigend, betreten an.) Verrina (feierlicher, seine Hand auf Berthas Haupt gelegt). Verflucht sei die Luft, die dich faechelt! Verflucht der Schlaf, der dich erquickt! Verflucht jede menschliche Spur, die deinem Elend willkommen ist! Geh hinab in das unterste Gewoelb meines Hauses. Winsle, heule, laehme die Zeit mit deinem Gram. (Unterbrochen von Schauern faehrt er fort.) Dein Leben sei das gichterische Waelzen des sterbenden Wurms--der hartnaeckige, zermalmende Kampf zwischen Sein und Vergehen.--Dieser Fluch hafte auf dir, bis Gianettino den letzten Odem verroechelt hat.--Wo nicht, so magst du ihn nachschleppen laengs der Ewigkeit, bis man ausfindig macht, wo die zwei Enden ihres Rings in einander greifen. (Grosses Schweigen. Auf allen Gesichtern Entsetzen. Verrina blickt Jeden fest und durchdringend an.) Bourgognino. Rabenvater! was hast du gemacht? Diesen ungeheuren, graesslichen Fluch deiner armen, schuldlosen Tochter? Verrina. Nicht wahr--das ist schrecklich, mein zaertlicher Braeutigam?--(Hoechst bedeutend.) Wer von euch wird nun auftreten und jetzt noch von kaltem Blut und Aufschube schwatzen? Genuas Loos ist auf meine Bertha geworfen, mein Vaterherz meiner Buergerpflicht ueberantwortet. Wer von uns ist nun Memme genug, Genuas Erloesung zu verzoegern, wenn er weiss, dass dieses schuldlose Lamm seine Feigheit mit unendlichem Gram bezahlt?--Bei Gott! das war nicht das Gewaesch eines Narren--Ich hab' einen Eid gethan und werde mich meines Kindes nicht erbarmen, bis ein Doria am Boden zuckt, und sollt' ich auf Martern raffinieren, wie ein Henkersknecht, und sollt' ich dieses unschuldige Lamm auf kannibalischer Folterbank zerknirschen--Sie zittern--Blass wie Geister schwindeln sie mich an.--Noch einmal, Scipio! Ich verwahre sie zum Geisel deines Tyrannenmords. An diesem theuren Faden halt' ich deine, meine, eure Pflichten fest. Genuas Despot muss fallen, oder das Maedchen verzweifelt. Ich widerrufe nicht. Bourgognino (wirft sich der Bertha zu Fuessen). Und fallen soll er--fallen fuer Genua, wie ein Opferstier. So gewiss ich dies Schwert im Herzen Dorias umkehre, so gewiss will ich den Braeutigamskuss auf deine Lippen druecken. (Steht auf.) Verrina. Das erste Paar, das die Furien einsegnen. Gebt euch die Haende. In Dorias Herzen wirst du dein Schwert umkehren?--Nimm sie, sie ist dein! Calcagno (kniet nieder). Hier kniet noch ein Genueser und legt seinen furchtbaren Stahl zu den Fuessen der Unschuld. So gewiss moege Calcagno den Weg zum Himmel ausfindig machen, als dieses sein Schwert die Strasse zu Dorias Leben. (Steht auf.) Sacco. Zuletzt, doch nicht minder entschlossen, kniet Raphael Sacco. Wenn dies mein blankes Eisen Berthas Gefaengniss nicht aufschliesst, so schliesse sich das Ohr des Erhoerers meinem letzten Gebet zu. (Steht auf.) Verrina (erheitert). Genua dankt euch in mir, meine Freunde. Gehe nun, Tochter. Freue dich, des Vaterlands grosses Opfer zu sein. Bourgognino (umarmt sie im Abgehen). Geh! Traue auf Gott und Bourgognino. An einem und eben dem Tag werden Bertha und Genua frei sein. (Bertha entfernt sich.) Dreizehnter Auftritt Vorige ohne Bertha. Calcagno. Eh wir weiter gehn, noch ein Wort, Genueser! Verrina. Ich errath' es. Calcagno. Werden vier Patrioten genug sein, Tyrannei, die maechtige Hyder, zu stuerzen? Werden wir nicht den Poebel aufruehren, nicht den Adel zu unsrer Partei ziehen muessen? Verrina. Ich verstehe. Hoeret also, ich habe laengst einen Maler im Solde, der seine ganze Kunst verschwendet, den Sturz des Appius Claudius fresco zu malen. Fiesco ist ein Anbeter der Kunst, erhitzt sich gern an erhabenen Scenen. Wir werden die Malerei nach seinem Palast bringen und zugegen sein, wenn er sie betrachtet. Vielleicht, dass der Anblick seinen Genius wieder aufweckt--Vielleicht-Bourgognino. Weg mit ihm! Verdopple die Gefahr, spricht der Held, nicht die Helfer. Ich habe schon laengst ein Etwas in meiner Brust gefuehlt, das sich von nichts wollte ersaettigen lassen--Was es war, weiss ich jetzt ploetzlich (indem er heroisch aufspringt). Ich hab' einen Tyrannen! (Der Vorhang faellt.) Zweiter Aufzug Vorzimmer in Fiescos Palast. Erster Auftritt Leonore. Arabella. Arabella. Nein, sag' ich. Sie sahen falsch. Die Eifersucht lieh Ihnen die haesslichen Augen. Leonore. Es war Julia lebendig. Rede mir nichts ein. Meine Silhouette hing an einem himmelblauen Band, dies war feuerfarb und geflammt. Mein Loos ist entschieden. Zweiter Auftritt Vorige. Julia. Julia (affectiert hereintretend). Der Graf bot mir sein Palais an, den Zug nach dem Rathhaus zu sehen. Die Zeit wird mir lang werden. Eh die Chocolade gemacht ist, Madame, unterhalten Sie mich. (Bella entfernt sich, kommt sogleich wieder.) Leonore. Befehlen Sie, dass ich Gesellschaft hieher bitte? Julia. Abgeschmackt. Als wenn ich die hier suchen muesste? Sie werden mich zerstreuen, Madame. (Auf und ab, sich den Hof machend.) Wenn Sie das koennen, Madame--denn ich habe nichts zu versaeumen. Arabella (boshaft). Desto mehr dieser kostbare Mohr, Signora. Wie grausam, bedenken Sie! die Perspectivchen der jungen Stutzer um diese schoene Prise zu bringen? Ah! und das blitzende Spiel der Perlen, das Einem die Augen bald wund brennt.--Beim grossmaechtigen Gott! haben Sie nicht das ganze Meer ausgepluendert? Julia (vor einem Spiegel). Das ist Ihr wohl eine Seltenheit, Mamsell? Aber hoere Sie, Mamsell, hat Sie Ihrer Herrschaft auch die Zunge verdingt? Scharmant, Madame! Ihre Gaeste durch Domestiken becomplimentieren zu lassen. Leonore. Es ist mein Unglueck, Signora, dass meine Laune mir das Vergnuegen Ihrer Gegenwart schmaelert. Julia. Eine graessliche Unart ist das, die Sie schwerfaellig und albern macht. Rasch! lebhaft und witzig! Das ist der Weg nicht, Ihren Mann anzufesseln. Leonore. Ich weiss nur einen, Graefin. Lassen Sie den Ihrigen immer ein sympathetisches Mittel bleiben. Julia (ohne darauf achten zu wollen). Und, wie Sie sich tragen, Madame! Pfui doch! Auch auf Ihren Koerper wenden Sie mehr. Nehmen Sie zur Kunst Ihre Zuflucht, wo die Natur an Ihnen Stiefmutter war. Einen Firniss auf diese Wangen, woraus die missfaerbige Leidenschaft kraenkelt. Armes Geschoepf! So wird Ihr Gesichtchen nie einen Kaeufer finden. Leonore (munter zu Bella). Wuensche mir Glueck, Maedchen. Unmoeglich hab' ich meinen Fiesco verloren, oder ich habe nichts an ihm verloren. (Man bringt Chocolade, Bella giesst ein.) Julia. Von Verlieren murmeln Sie etwas? Aber mein Gott! wie kam Ihnen auch der tragische Einfall, den Fiesco zu nehmen?--Warum auf diese Hoehe, mein Kind, wo Sie nothwendig gesehen werden muessen? verglichen werden muessen?--Auf Ehre, mein Schatz, das war ein Schelm oder ein Dummkopf, der Sie dem Fiesco kuppelte. (Mitleidig ihre Hand ergreifend.) Gutes Thierchen, der Mann, der in den Assembleen des guten Tons gelitten wird, konnte nie deine Partie sein. (Sie nimmt eine Tasse.) Leonore (laechelnd auf Arabellen). Oder er wuerde in diesen Haeusern des guten Tons nicht gelitten sein wollen. Julia. Der Graf hat Person--Welt--Geschmack. Der Graf war so gluecklich, Connaissancen von Rang zu machen. Der Graf hat Temperament, Feuer. Nun reisst er sich warm aus dem delicatesten Zirkel. Er kommt nach Hause. Die Ehfrau bewillkommt ihn mit einer Werkeltagszaertlichkeit, loescht seine Gluth in einem feuchten, frostigen Kuss, schneidet ihm ihre Caressen wirthschaftlich, wie einem Kostgaenger, vor. Der arme Ehmann! Dort lacht ihm ein bluehendes Ideal--hier ekelt ihn eine graemliche Empfindsamkeit an. Signora, um Gotteswillen! wird er nicht den Verstand verlieren, oder was wird er waehlen? Leonore (bringt ihr eine Tasse). Sie, Madame, wenn er ihn verloren hat. Julia. Gut. Dieser Biss sei in dein eigenes Herz gegangen. Zittre um diesen Spott, aber eh du zitterst, erroethe. Leonore. Kennen Sie das Ding auch, Signora? Doch warum nicht? Es ist ja ein Toilettenpfiff. Julia. Man sehe doch! Erzuernen muss man das Wuermchen, will man ihm ein Fuenkchen Mutterwitz abjagen. Gut fuer jetzt. Es war Scherz, Madame. Geben Sie mir Ihre Hand zur Versoehnung. Leonore (gibt ihr die Hand mit vielsagendem Blick). Imperiali!--vor meinem Zorn haben Sie Ruhe. Julia. Grossmuethig, allerdings! Doch sollt' ich's nicht auch sein koennen, Graefin? (Langsam und lauernd.) Wenn ich den Schatten einer Person bei mir fuehre, muss es nicht folgen, dass das Original mir werth ist? Oder was meinen Sie? Leonore (roth und verwirrt). Was sagen Sie? Ich hoffe, dieser Schluss ist zu rasch. Julia. Das denk' ich selbst. Das Herz ruft nie die Sinne zu Hilfe. Wahre Empfindung wird sich nie hinter Schmuckwerk verschanzen. Leonore. Grosser Gott! Wie kommen Sie zu dieser Wahrheit? Julia. Mitleid, blosses Mitleid--Denn sehen Sie, so ist es auch umgekehrt wahr--und Sie haben Ihren Fiesco noch. (Sie gibt ihr ihre Silhouette und lacht boshaft auf.) Leonore (mit auffahrender Erbitterung). Mein Schattenriss? Ihnen? (Wirft sich schmerzvoll in einen Sessel.) O der heillose Mann! Julia (frohlockend). Hab' ich vergolten? hab' ich? Nun, Madame, keinen Nadelstich mehr in Bereitschaft? (Laut in die Scene.) Den Wagen vor! Mein Gewerb ist bestellt. (Zu Leonoren, der sie das Kinn streicht.) Troesten Sie sich, mein Kind. Er gab mir die Silhouette im Wahnwitz. (Ab.) Dritter Auftritt Calcagno kommt. Calcagno. So erhitzt ging die Imperiali weg, und Sie in Wallung, Madonna? Leonore (mit durchdringendem Schmerz). Nein! das war nie erhoert! Calcagno. Himmel und Erde! Sie weinen doch wohl nicht? Leonore. Ein Freund vom Unmenschlichen--Mir aus den Augen! Calcagno. Welchem Unmenschlichen? Sie erschrecken mich. Leonore. Von meinem Mann--Nicht so! von dem Fiesco. Calcagno. Was muss ich hoeren? Leonore. O, nur ein Bubenstueck, das bei euch gangbar ist, Maenner. Calcagno (fasst ihre Hand mit Heftigkeit). Gnaedige Frau, ich habe ein Herz fuer die weinende Tugend. Leonore (ernst). Sie sind ein Mann--es ist nicht fuer mich. Calcagno. Ganz fuer Sie--voll von Ihnen--dass Sie wuessten, wie sehr--wie unendlich sehr-Leonore. Mann, du luegst--du versicherst, eh du handelst. Calcagno. Ich schwoere Ihnen-Leonore. Einen Meineid. Hoer' auf! Ihr ermuedet den Griffel Gottes, der sie niederschreibt. Maenner! Maenner! wenn eure Eide zu so viel Teufeln wuerden, sie koennten Sturm gegen den Himmel laufen und die Engel des Lichts als Gefangene wegfuehren. Calcagno. Sie schwaermen, Graefin. Ihre Erbitterung macht Sie ungerecht. Soll das Geschlecht fuer den Frevel des Einzelnen Rede stehn? Leonore (sieht ihn gross an). Mensch! ich betete das Geschlecht in dem Einzelnen an, soll ich es nicht in ihm verabscheuen duerfen? Calcagno. Versuchen Sie, Graefin--Sie gaben Ihr Herz das erstemal fehl--ich wuesste ihnen den Ort, wo es aufgehoben sein sollte. Leonore. Ihr koenntet den Schoepfer aus seiner Welt hinausluegen--Ich will nichts von dir hoeren. Calcagno. Diesen Verdammungsspruch sollten Sie noch heute in meinen Armen zurueckrufen. Leonore (aufmerksam). Rede ganz aus. In deinen--? Calcagno. In meinen Armen, die sich oeffnen, eine Verlassene aufzunehmen und fuer verlorene Liebe zu entschaedigen. Leonore (sieht ihn fein an). Liebe? Calcagno (vor ihr nieder mit Feuer). Ja! es ist hingesagt. Liebe, Madonna. Leben und Tod liegt auf Ihrer Zunge. Wenn meine Leidenschaft Suende ist, so moegen die Enden von Tugend und Laster in einander fliessen und Himmel und Hoelle in eine Verdammniss gerinnen. Leonore (tritt mit Unwillen und Hoheit zurueck). Da hinaus zielte deine Theilnehmung, Schleicher?--In einer Kniebeugung verraethst du Freundschaft und Liebe? Ewig aus meinem Aug! Abscheuliches Geschlecht! Bis jetzt glaubte ich, du betruegest nur Weiber; das hab' ich nie gewusst! dass du auch an dir selbst zum Verraether wirst. Calcagno (steht betroffen auf). Gnaedige Frau-Leonore. Nicht genug, dass er das heilige Siegel des Vertrauens erbrach, auch an den reinen Spiegel der Tugend haucht dieser Heuchler die Pest und will meine Unschuld im Eidbrechen unterweisen. Calcagno (rasch). Das Eidbrechen ist nur Ihr Fall nicht, Madonna. Leonore. Ich verstehe, und meine Empfindlichkeit sollte dir meine Empfindung bestechen? Das wusstest du nicht, (sehr gross) dass schon allein das erhabene Unglueck, um den Fiesco zu brechen, ein Weiberherz adelt. Geh! Fiescos Schande macht keinen Calcagno bei mir steigen, aber--die Menschheit sinken. (Schnell ab.) Calcagno (sieht ihr betaeubt nach, dann ab, mit einem Schlag vor die Stirne). Dummkopf! Vierter Auftritt Der Mohr. Fiesco. Fiesco. Wer war's, der da wegging? Mohr. Marchese Calcagno. Fiesco. Auf dem Sopha blieb dieses Schnupftuch liegen. Meine Frau war hier. Mohr. Begegnete mir so eben in einer starken Erhitzung. Fiesco. Dieses Schnupftuch ist feucht. (Steckt es zu sich.) Calcagno hier? Leonore in starker Erhitzung? (Nach einigem Nachdenken zum Mohren.) Auf den Abend will ich dich fragen, was hier geschehen ist. Mohr. Mamsell Bella hoert es gern, dass sie blond sei. Will es beantworten. Fiesco. Und nun sind dreissig Stunden vorbei. Hast du meinen Auftrag vollzogen? Mohr. Auf ein Jota, mein Gebieter. Fiesco (setzt sich). Sag denn, wie pfeift man von Doria und der gegenwaertigen Regierung? Mohr. O pfui; nach abscheulichen Weisen. Schon das Wort: Doria, schuettelt sie wie ein Fieberfrost. Gianettino ist gehasst bis in den Tod. Alles murrt. Die Franzosen, sagen sie, seien Genuas Ratten gewesen, Kater Doria habe sie aufgefressen und lasse sich nun die Maeuse belieben. Fiesco. Das koennte wahr sein--und wussten sie keinen Hund fuer den Kater? Mohr (leichtfertig). Die Stadt murmelte Langes und Breites von einem gewissen--einem gewissen--Holla! Haett' ich denn gar den Namen vergessen? Fiesco (steht auf). Dummkopf! Er ist so leicht zu behalten, als schwer er zu machen war. Hat Genua mehr als einen Einzigen? Mohr. So wenig als zween Grafen von Lavagna. Fiesco (setzt sich). Das ist Etwas. Und was fluestert man denn ueber mein lustiges Leben? Mohr (misst ihn mit grossen Augen). Hoeret, Graf von Lavagna! Genua muss gross von Euch denken. Man kann's nicht verdauen, dass ein Cavalier vom ersten Hause--voll Talenten und Kopf--in vollem Feuer und Einfluss--Herr von vier Millionen Pfund--Fuerstenblut in den Adern--ein Cavalier wie Fiesco, dem auf den ersten Wink alle Herzen zufliegen wuerden-Fiesco (wendet sich mit Verachtung ab). Von einem Schurken das anzuhoeren-Mohr. Dass Genuas grosser Mann Genuas grossen Fall verschlafe. Viele bedauern, sehr Viele verspotten, die Meisten verdammen Euch. Alle beklagen den Staat, der Euch verlor. Ein Jesuit wollte gerochen haben, dass ein Fuchs im Schlafrock stecke. Fiesco. Ein Fuchs riecht den andern.--Was spricht man zu meinem Roman mit der Graefin Imperiali? Mohr. Was ich zu wiederholen huebsch unterlassen werde. Fiesco. Frei heraus! Je frecher, desto willkommener. Was murmelt man? Mohr. Nichts murmelt man. Auf allen Kaffeehaeusern, Billardtischen, Gasthoefen, Promenaden--auf dem Markt--auf der Boerse schreit man laut-Fiesco. Was? Ich befehl' es dir! Mohr (sich zurueckziehend). Dass Ihr ein Narr seid. Fiesco. Gut. Hier nimm die Zechine fuer diese Zeitung. Die Schellenkappe hab' und nun aufgesetzt, dass diese Genueser ueber mich lachen; bald will ich mir eine Glatze scheeren, dass sie den Hanswurst von mir spielen. Wie nahmen sich die Seidenhaendler bei meinen Geschenken? Mohr (drollig). Narr, sie stellten sich wie die armen Suender-Fiesco. Narr? Bist du toll, Bursche? Mohr. Verzeiht! Ich haette Lust zu noch mehr Zechinen. Fiesco (lacht, gibt ihm eine). Nun, wie die armen Suender--? Mohr. Die auf dem Block liegen und jetzt Pardon ueber sich hoeren. Euer sind sie Seel und Leib. Fiesco. Das freut mich. Sie geben den Ausschlag bei dem Poebel zu Genua. Mohr. Was das ein Auftritt war! Wenig fehlte, der Teufel hole mich! dass ich nicht Geschmack an der Grossmuth gefunden haette. Sie waelzten sich mir wie unsinnig um den Hals, die Maedel schienen sich bald in meines Vaters Farbe vergafft zu haben, so hitzig fielen sie ueber meine Mondsfinsterniss her. Allmaechtig ist doch das Gold, war da mein Gedanke; auch Mohren kann's bleichen. Fiesco. Dein Gedanke war besser, als das Mistbeet, worin er wuchs--Die Worte, die du mir hinterbracht hast, sind gut, lassen sich Thaten daraus schliessen? Mohr. Wie aus des Himmels Raeuspern der ausbrechende Sturm. Man steckt die Koepfe zusammen, rottiert sich zu Hauf, ruft Hum! spukt ein Fremder vorbei. Durch ganz Genua herrscht eine dumpfe Schwuele-- Dieser Missmuth haengt wie ein schweres Wetter ueber der Republik-- nur einen Wind, so fallen Schlossen und Blitze. Fiesco. Stille! horch! Was ist das fuer ein verworrenes Gesumse? Mohr (aus dem Fenster fliegend). Es ist das Geschrei vieler Menschen, die vom Rathhaus herabkommen. Fiesco. Heute ist Procuratorwahl. Lass meine Carriole vorfahren. Unmoeglich kann die Sitzung schon aus sein. Ich will hinauf. Unmoeglich kann sie rechtmaessig sein--Schwert und Mantel her. Wo ist mein Orden? Mohr. Herr, ich hab' ihn gestohlen und versetzt. Fiesco. Das freut mich. Mohr. Nun, wie? wird mein Praesent bald herausruecken? Fiesco. Weil du nicht auch den Mantel nahmst? Mohr. Weil ich den Dieb ausfindig machte. Fiesco. Der Tumult waelzt sich hierher. Horch! Das ist nicht das Gejauchze des Beifalls. (Rasch.) Geschwind, riegle die Hofpforten auf. Ich hab' eine Ahnung. Doria ist tollkuehn. Der Staat gaukelt auf einer Nadelspitze. Ich wette, auf der Signoria ist Laerm worden. Mohr (am Fenster, schreit). Was ist das? Die Strasse Balbi herunter--Tross vieler Tausende--Hellebarden blitzen--Schwerter--Holla! Senatoren--fliegen hieher-Fiesco. Es ist ein Aufruhr! Spring unter sie. Nenn meinen Namen. Sieh zu, dass sie hieher sich werfen. (Mohr eilt hinunter.) Was die Ameise Vernunft muehsam zu Haufen schleppt, jagt in einem Hui der Wind des Zufalls zusammen. Fuenfter Auftritt Fiesco. Zenturione, Zibo, Asserato stuerzen stuermisch ins Zimmer. Zibo. Graf, Sie verzeihen unserm Zorn, dass wir unangemeldet hereintreten. Zenturione. Ich bin beschimpft, toedlich beschimpft vom Neffen des Herzogs, im Angesicht der ganzen Signoria. Asserato. Doria hat das goldene Buch besudelt, davon jeder genuesische Edelmann ein Blatt ist. Zenturione. Darum sind wir da. Der ganze Adel ist in mir aufgefordert. Der ganze Adel muss meine Rache theilen. Meine Ehre zu raechen, dazu wuerde ich schwerlich Gehilfen fordern. Zibo. Der ganze Adel ist in ihm aufgereizt. Der ganze Adel muss Feuer und Flamme speien. Asserato. Die Rechte der Nation sind zertruemmert. Die republikanische Freiheit hat einen Todesstoss. Fiesco. Sie spannen meine ganze Erwartung. Zibo. Er war der neunundzwanzigste unter den Wahlherrn, hatte zur Procuratorwahl eine goldene Kugel gezogen. Achtundzwanzig Stimmen waren gesammelt. Vierzehn sprachen fuer mich, eben so viele fuer Lomellino! Dorias und die seinige standen noch aus. Zenturione (rasch ins Wort fallend). Standen noch aus. Ich votierte fuer Zibo. Doria--fuehlen Sie die Wunde meiner Ehre--Doria-Asserato (faellt ihm wieder ins Wort). So was erlebte man nicht, so lang der Ocean um Genua fluthet-Zenturione (hitziger fort). Doria zog ein Schwert, das er unter dem Scharlach verborgen gehalten, spiesste mein Votum daran, rief in die Versammlung: Zibo. »Senatoren, es gilt nicht! Es ist durchloechert! Lomellin ist Procurator.« Zenturione. »Lomellin ist Procurator,« und warf sein Schwert auf die Tafel. Asserato. Und rief: »Es gilt nicht!« und warf sein Schwert auf die Tafel. Fiesco (nach einigem Stillschweigen). Wozu sind Sie entschlossen? Zenturione. Die Republik ist ins Herz gestossen. Wozu wir entschlossen sind? Fiesco. Zenturione, Binsen moegen vom Athem knicken. Eichen wollen den Sturm. Ich frage, was Sie beschliessen? Zibo. Ich daechte, man fragte, was Genua beschliesse? Fiesco. Genua? Genua? Weg damit; es ist muerb, bricht, wo Sie es anfassen. Sie rechnen auf die Patrizier? Vielleicht weil sie saure Gesichter schneiden, die Achsel zucken, wenn von Staatssachen Rede wird? Weg damit! Ihr Heldenfeuer klemmt sich in Ballen levantischer Waaren, ihre Seelen flattern aengstlich um ihre ostindische Flotte. Zenturione. Lernen Sie unsere Patrizier besser schaetzen. Kaum war Dorias trotzige That gethan, flohen ihrer einige Hundert mit zerrissenen Kleidern auf den Markt. Die Signoria fuhr auseinander. Fiesco (spoettisch). Wie Tauben auseinander flattern, wenn in den Schlag sich ein Geier wirft? Zenturione (stuermisch). Nein! wie Pulvertonnen, wenn eine Lunte hineinfaellt. Zibo. Das Volk wuethet auch, was vermag nicht ein angeschossener Eber? Fiesco (lacht). Der blinde, unbeholfene Koloss, der mit plumpen Knochen Anfangs Gepolter macht, Hohes und Niederes, Nahes und Fernes mit gaehnendem Rachen zu verschlingen droht und zuletzt--ueber Zwirnsfaeden stolpert? Genueser, vergebens! Die Epoche der Meerbeherrscher ist vorbei. Genua ist unter seinen Namen gestuerzt. Genua ist doch, wo das unueberwindliche Rom wie ein Federball in die Rakete eines zaertlichen Knaben Octavius sprang. Genua kann nicht mehr frei sein. Genua muss von einem Monarchen erwaermt werden. Genua braucht einen Souverain, also huldigen Sie dem Schwindelkopf Gianettino. Zenturione (aufbrausend). Wenn sich die grollenden Elemente versoehnen und der Nordpol dem Suedpol nachspringt--Kommt, Kameraden! Fiesco. Bleiben Sie, bleiben Sie! Worueber brueten Sie, Zibo? Zibo. Ueber nichts oder einem Possenspiel, das das Erdbeben heissen soll. Fiesco (fuehrt sie zu einer Statue). Schauen Sie doch diese Figur an. Zenturione. Es ist die Venus von Florenz. Was soll sie uns hier? Fiesco. Sie gefaellt Ihnen aber? Zibo. Ich sollte denken, oder wir waeren schlechte Italiener. Wie Sie das jetzt fragen moegen? Fiesco. Nun, reisen Sie durch alle Welttheile und suchen unter allen lebendigen Abruecken des weiblichen Modells den gluecklichsten aus, in welchem sich alle Reize dieser getraeumten Venus umarmen. Zibo. Und tragen dann fuer unsre Muehe davon? Fiesco. Dann werden Sie die Phantasie der Marktschreierei ueberwiesen haben-Zenturione (ungeduldig). Und was gewonnen haben? Fiesco. Gewonnen haben den verjaehrten Process der Natur mit den Kuenstlern. Zenturione (hitzig). Und dann? Fiesco. Dann? dann? (Faengt zu lachen an). Dann haben Sie vergessen zu sehen, dass Genuas Freiheit zu Truemmern geht! (Zenturione, Zibo, Asserato gehen ab.) Sechster Auftritt Fiesco.--Getuemmel um den Palast nimmt zu. Gluecklich! gluecklich! Das Stroh der Republik ist in Flammen. Das Feuer hat schon Haeuser und Thuerme gefasst--Immer zu! immer zu! Allgemein werde der Brand, der schadenfrohe Wind pfeife in die Verwuestung! Siebenter Auftritt Mohr in Eile. Fiesco. Mohr. Haufen ueber Haufen! Fiesco. Mache die Thorfluegel weit auf. Lass hereinstuerzen, was Fuesse hat. Mohr. Republikaner! Republikaner! Ziehen ihre Freiheit am Joch, keuchen, wie Lastochsen, unter ihrer aristokratischen Herrlichkeit. Fiesco. Narren, die glauben, Fiesco von Lavagna werde fortfuehren, was Fiesco von Lavagna nicht anfing! Die Empoerung kommt wie gerufen. Aber die Verschwoerung muss meine sein. Sie stuermen die Treppe herauf. Mohr (hinaus). Holla! holla! Werden das Haus hoeflichst zur Thuere hereinbringen. (Das Volk stuermt herein, die Thuere in Truemmer.) Achter Auftritt Fiesco. Zwoelf Handwerker. Alle. Rache an Doria! Rache an Gianettino! Fiesco. Huebsch gemach, meine Landsleute. Dass ihr mir alle eure Aufwartung so machtet, das zeugt von eurem guten Herzen. Aber meine Ohren sind delicater. Alle (ungestuemer). Zu Boden mit den Doria! Zu Boden Oheim und Neffen! Fiesco (der sie laechelnd ueberzaehlt). Zwoelf sind ein vornehmes Heer-Einige. Diese Doria muessen weg. Der Staat muss eine andere Form haben. Erster Handwerker. Unsre Friedensrichter die Treppen hinab zu schmeissen--die Treppen die Friedensrichter. Zweiter. Denkt doch, Lavagna, die Treppen hinab, als sie ihm bei der Wahl widersprachen. Alle. Soll nicht geduldet werden! darf nicht geduldet werden! Ein Dritter. Ein Schwert in den Rath zu nehmen-Erster. Ein Schwert! Das Zeichen des Kriegs! im Zimmer des Friedens! Zweiter. Im Scharlach in den Senat zu kommen! Nicht schwarz, wie die uebrigen Rathsherrn. Erster. Mit acht Hengsten durch unsere Hauptstadt zu fahren. Alle. Ein Tyrann! ein Verraether des Lands und der Regierung! Zweiter. Zweihundert Deutsche zur Leibwach vom Kaiser zu kaufen-Erster. Auslaender wider die Kinder des Vaterlands! Deutsche gegen Italiener! Soldaten neben die Gesetze! Alle. Hochverrath! Meuterei! Genuas Untergang! Erster. Das Wappen der Republik an der Kutsche zu fuehren-Zweiter. Die Statue des Andreas mitten im Hof der Signoria!-Alle. In Stuecken mit dem Andreas! In tausend Stueck den steinernen und den lebendigen! Fiesco. Genueser, warum mir Das alles? Erster. Ihr sollt es nicht dulden! Ihr sollt ihm den Daumen aufs Aug halten! Zweiter. Ihr seid ein kluger Mann, und sollt es nicht dulden, und sollt den Verstand fuer uns haben. Erster. Und seid ein besserer Edelmann, und sollt ihm das eintraenken, und sollt es nicht dulden. Fiesco. Euer Zutrauen schmeichelt mir sehr. Kann ich es durch Thaten verdienen? Alle (laermend). Schlage! Stuerze! Erloese! Fiesco. Doch ein gut Wort werdet ihr noch annehmen? Einige. Redet, Lavagna! Fiesco (der sich niedersetzt). Genueser--Das Reich der Thiere kam einst in buergerliche Gaehrung, Parteien schlugen mit Parteien, und ein Fleischerhund bemaechtigte sich des Throns. Dieser, gewohnt, das Schlachtvieh an das Messer zu hetzen, hauste huendisch im Reich, klaffte, biss und nagte die Knochen seines Volks. Die Nation murrte, die Kuehnsten traten zusammen und erwuergten den fuerstlichen Bullen. Jetzt ward ein Reichstag gehalten, die grosse Frage zu entscheiden, welche Regierung die gluecklichste sei? Die Stimmen theilten sich dreifach. Genueser, fuer welche haettet ihr entschieden? Erster Buerger. Fuers Volk. Alle fuers Volk. Fiesco. Das Volk gewann's. Die Regierung ward demokratisch. Jeder Buerger gab seine Stimme. Mehrheit setzte durch. Wenige Wochen vergingen, so kuendigte der Mensch dem neugebackenen Freistaat den Krieg an. Das Reich kam zusammen. Ross, Loewe, Tiger, Baer, Elephant und Rhinoceros traten auf und bruellten laut zu den Waffen! Jetzt kam die Reih' an die Uebrigen. Lamm, Hase, Hirsch, Esel, das ganze Reich der Insecten, der Voegel, der Fische ganzes menschenscheues Heer--alle traten dazwischen und wimmerten: Friede. Seht, Genueser! Der Feigen waren mehr, denn der Streitbaren, der Dummen mehr, denn der Klugen--Mehrheit setzte durch. Das Thierreich streckte die Waffen, und der Mensch brandschatzte sein Gebiet. Dieses Staatssystem ward also verworfen. Genueser, wozu waeret ihr jetzt geneigt gewesen? Erster und Zweiter. Zum Ausschuss! Freilich zum Ausschuss! Fiesco. Diese Meinung gefiel! Die Staatsgeschaefte theilten sich in mehrere Kammern. Woelfe besorgten die Finanzen, Fuechse waren ihre Secretaere. Tauben fuehrten das Criminalgericht, Tiger die guetlichen Vergleiche, Boecke schlichteten Heirathsprocesse. Soldaten waren die Hasen; Loewen und Elephant blieben bei der Bagage; der Esel war Gesandter des Reichs, und der Maulwurf Oberaufseher ueber die Verwaltung der Aemter. Genueser, was hofft ihr von dieser weisen Vertheilung? Wen der Wolf nicht zerriss, den prellte der Fuchs. Wer diesem entrann, den toelpelte der Esel nieder. Tiger erwuergten die Unschuld; Diebe und Moerder begnadigte die Taube, und am Ende, wenn die Aemter niedergelegt wurden, fand sie der Maulwurf alle unstraeflich verwaltet--Die Thiere empoerten sich. Lasst uns einen Monarchen waehlen, riefen sie einstimmig, der Klauen und Hirn und nur einen Magen hat--und einem Oberhaupt huldigten alle--einem, Genueser--aber (indem er mit Hoheit unter sie tritt) es war der Loewe. Alle (klatschen, werfen die Muetzen in die Hoehe). Bravo! Bravo! das haben sie schlau gemacht. Erster. Und Genua soll's nachmachen, und Genua hat seinen Mann schon. Fiesco. Ich will ihn nicht wissen. Gehet heim! Denkt auf den Loewen! (Die Buerger tumultuarisch hinaus.) Es geht erwuenscht. Volk und Senat wider Doria. Volk und Senat fuer Fiesco--Hassan!--Hassan! Ich muss diesen Wind benutzen--Hassan! Hassan! Ich muss diesen Hass verstaerken! dieses Interesse anfrischen!--Heraus, Hassan! Hurensohn der Hoelle! Hassan! Hassan! Neunter Auftritt Mohr kommt. Fiesco. Mohr (wild). Meine Sohlen brennen noch. Was gibt's schon wieder? Fiesco. Was ich befehle. Mohr (geschmeidig). Wohin lauf' ich zuerst? wohin zuletzt? Fiesco. Das Laufen sei dir diesmal geschenkt. Du wirst geschleift werden. Mache dich gleich gefasst; ich posaune jetzt deinen Meuchelmord aus und uebergebe dich gebunden der peinlichen Nota. Mohr (sechs Schritte zurueck). Herr?--das ist wider die Abrede. Fiesco. Sei ganz ruhig. Es ist nichts mehr, denn ein Possenspiel. In diesem Augenblick liegt Alles daran, dass Gianettinos Anschlag auf mein Leben ruchbar wird. Man wird dich peinlich verhoeren. Mohr. Ich bekenne dann oder leugne? Fiesco. Leugnest. Man wird dich auf die Tortur schrauben. Den ersten Grad stehst du aus. Diese Witzigung kannst du auf Conto deines Meuchelmords hinnehmen. Beim zweiten bekennst du. Mohr (schuettelt den Kopf, bedenklich). Ein Schelm ist der Teufel. Die Herren koennten mich beim Essen behalten, und ich wuerde aus lauter Komoedie geraedert. Fiesco. Du kommst ganz weg. Ich gebe dir meine graefliche Ehre. Ich werde mir deine Bestrafung zur Genugthuung ausbitten und dich dann vor den Augen der ganzen Republik pardonnieren. Mohr. Ich lasse mir's gefallen. Sie werden mir das Gelenk auseinander treiben. Das macht gelaeufiger. Fiesco. So ritze mir hurtig mit deinem Dolche den Arm auf, bis Blut darnach laeuft--Ich werde thun, als haett' ich dich erst frisch auf der That ergriffen. Gut! (Mit graesslichem Geschrei.) Moerder! Moerder! Moerder! Besetzt die Wege! Riegelt die Pforten zu! (Er schleppt den Mohren an der Gurgel hinaus, Bediente fliehen ueber den Schauplatz.) Zehnter Auftritt Leonore. Rosa stuerzen erschrocken herein. Leonore. Mord! schrieen sie, Mord! Von hier kam der Laerm. Rosa. Ganz gewiss nur ein blinder Tumult, wie alltaeglich in Genua. Leonore. Sie schrieen Mord, und das Volk murmelte deutlich: Fiesco. Armselige Betrueger! Meine Augen wollten sie schonen, aber mein Herz ueberlistet sie. Geschwind, eile nach, sieh, sage mir, wo sie ihn hinschleppen. Rosa. Sammeln Sie sich. Bella ist nach. Leonore. Bella wird seinen brechenden Blick noch auffassen! die glueckliche Bella! Weh ueber mich, seine Moerderin! Haette Fiesco mich lieben koennen, nie haette Fiesco sich in die Welt gestuerzt, nie in die Dolche des Neids!--Bella kommt! Fort! Rede nicht, Bella! Eilfter Auftritt Vorige. Bella. Bella. Der Graf lebt und ist ganz. Ich sah ihn durch die Stadt galoppieren. Nie sah ich unsern gnaedigen Herrn so schoen. Der Rapp prahlte unter ihm und jagte mit hochmuethigem Huf das andraengende Volk von seinem fuerstlichen Reiter. Er erblickte mich, als er vorueber flog, laechelte gnaedig, winkte hieher und warf drei Kuesse zurueck. (Boshaft.) Was mach' ich damit, Signora? Leonore (in Entzueckung). Leichtfertige Schwaetzerin! Bring sie ihm wieder. Rosa. Nun sehen Sie! jetzt sind Sie wieder Scharlach ueber und ueber. Leonore. Sein Herz wirft er den Dirnen nach, und ich jage nach einem Blick?--O Weiber! Weiber! (Gehen ab.) Zwoelfter Auftritt Im Palast des Andreas. Gianettino. Lomellin kommen hastig Gianettino. Lass sie um ihre Freiheit bruellen, wie die Loewin um ein Junges. Ich bleibe dabei. Lomellin. Doch, gnaediger Herr-Gianettino. Zum Teufel mit Eurem Doch, dreistundlanger Procurator! Ich weiche um keines Haares Breite. Lass Genuas Thuerme die Koepfe schuetteln und die tobende See Nein dareinbrummen. Ich fuerchte den Tross nicht. Lomellin. Der Poebel ist freilich das brennende Holz, aber der Adel gibt seinen Wind dazu. Die ganze Republik ist in Wallung. Volk und Patrizier. Gianettino. So steh' ich wie Nero auf dem Berg und sehe dem possierlichen Brande zu-Lomellin. Bis sich die ganze Masse des Aufruhrs einem Parteigaenger zuwirft, der ehrgeizig genug ist, in der Verwuestung zu ernten. Gianettino. Possen! Possen! Ich kenne nur Einen, der fuerchterlich werden koennte, und fuer den ist gesorgt. Lomellin. Seine Durchlaucht. (Andreas kommt, Beide verneigen sich tief.) Andreas. Signor Lomellin! Meine Nichte wuenscht auszufahren. Lomellin. Ich werde die Gnade haben, sie zu begleiten. (Ab.) Dreizehnter Auftritt Andreas. Gianettino. Andreas. Hoere, Neffe! Ich bin schlimm mit dir zufrieden. Gianettino. Goennen Sie mir Gehoer, durchlauchtigster Oheim. Andreas. Dem zerlumptesten Bettler in Genua, wenn er es werth ist. Einem Buben niemals, und waer' er mein Neffe. Gnaedig genug, dass ich dir den Oheim zeige; du verdientest den Herzog und seine Signoria zu hoeren. Gianettino. Nur ein Wort, gnaedigster Herr-Andreas. Hoere, was du gethan hast, und verantworte dich dann--Du hast ein Gebaeude umgerissen, das ich in einem halben Jahrhundert sorgsam zusammenfuegte--das Mausoleum deines Oheims--seine einzige Pyramide--die Liebe der Genueser. Den Leichtsinn verzeiht dir Andreas. Gianettino. Mein Oheim und Herzog-Andreas. Unterbrich mich nicht. Du hast das schoenste Kunstwerk der Regierung verletzt, das ich selbst den Genuesern vom Himmel holte, das mich so viele Naechte gekostet, so viele Gefahren und Blut. Vor ganz Genua hast du meine fuerstlichen Ehre besudelt, weil du fuer meine Anstalt keine Achtung zeigtest. Wem wird sie heilig sein, wenn mein Blut sie verachtet?--Diese Dummheit verzeiht dir der Oheim. Gianettino (beleidigt). Gnaedigster Herr, Sie haben mich zu Genuas Herzog gezogen. Andreas. Schweig--du bist ein Hochverraether des Staates und hast das Herz seines Lebens verwundet. Merke dir's, Knabe! Es heisst-- Unterwerfung!--Weil der Hirte am Abend seines Tagwerks zuruecktrat, waehntest du die Heerde verlassen? Weil Andreas eisgraue Haare traegt, trampeltest du wie ein Gassenjunge auf den Gesetzen? Gianettino (trotzig). Gemach, Herzog. Auch in meinen Adern siedet das Blut das Andreas, vor dem Frankreich erzitterte. Andreas. Schweig! befehl' ich--Ich bin gewohnt, dass das Meer aufhorcht, wenn ich rede--Mitten in ihrem Tempel spieest du die majestaetische Gerechtigkeit an. Weisst du, wie man das ahndet, Rebelle?--Jetzt antworte! (Gianettino heftet den Blick sprachlos zu Boden.) Andreas. Unglueckseliger Andreas! In deinem eigenen Herzen hast du den Wurm deines Verdiensts ausgebruetet.--Ich baute den Genuesern ein Haus, das der Vergaenglichkeit spotten sollte, und werfe den ersten Feuerbrand hinein--Diesen! Dank' es, Unbesonnener, diesem eisgrauen Kopf, der von Familienhaenden zur Grube gebracht sein will--Dank' es meiner gottlosen Liebe, dass ich den Kopf des Empoerers dem beleidigten Staate nicht--vom Blutgerueste zuwerfe. (Schnell ab.) Vierzehnter Auftritt Lomellin ausser Athem, erschrocken. Gianettino sieht dem Herzog gluehend und sprachlos nach. Lomellin. Was hab' ich gesehen? was angehoert? Jetzt! Jetzt! Fliehen Sie, Prinz! Jetzt ist Alles verloren. Gianettino (mit Ingrimm). Was war zu verlieren? Lomellin. Genua, Prinz. Ich komme vom Markt. Das Volk draengte sich um einen Mohren, der an Stricken dahin geschleift wurde; der Graf von Lavagna, ueber die dreihundert Nobili ihm nach bis ins Richthaus, wo die Verbrecher gefoltert werden. Der Mohr war ueber einem Meuchelmord ertappt worden, den er an dem Fiesco vollstrecken sollte. Gianettino (stampft mit dem Fuss). Was? Sind heut alle Teufel los? Lomellin. Man inquirierte scharf, wer ihn bestochen. Der Mohr gestand nichts. Man brachte ihn auf die erste Folter. Er gestand nichts. Man brachte ihn auf die zweite. Er sagte aus, sagte aus--gnaediger Herr, wo gedachten Sie hin, da Sie Ihre Ehre einem Taugenichts preisgaben? Gianettino (schnaubt ihn wild an). Frage mich nichts! Lomellin. Hoeren Sie weiter. Kaum war das Wort Doria ausgesprochen--lieber haett' ich meinen Namen auf der Schreibtafel des Teufels gelesen, als hier den Ihren gehoert--so zeigte sich Fiesco dem Volk. Sie kennen ihn, den Mann, der befehlend flehet, den Wucherer mit den Herzen der Menge. Die ganze Versammlung hing ihm odemlos in starren, schrecklichen Gruppen entgegen; er sprach wenig, aber streifte den blutenden Arm auf, das Volk schlug sich um die fallenden Tropfen, wie um Reliquien. Der Mohr wurde seiner Willkuer uebergeben, und Fiesco--ein Herzstoss fuer uns--Fiesco begnadigte ihn. Jetzt raste die Stille des Volks in einen bruellenden Laut aus, jeder Odem zernichtete einen Doria, Fiesco wurde auf tausendstimmigem Vivat nach Hause getragen. Gianettino (mit einem dumpfen Gelaechter). Der Aufruhr schwelle mir an die Gurgel!--Kaiser Karl! Mit dieser einzigen Silbe will ich sie niederwerfen, dass in ganz Genua auch keine Glocke mehr summen soll. Lomellin. Boehmen liegt weit von Italien--Wenn Karl sich beeilt, kann er noch zeitig genug zu Ihrem Leichenschmaus kommen. Gianettino (zieht einen Brief mit grossem Siegel hervor). Glueck genug also, dass er schon hier ist!--Verwundert sich Lomellin? Glaubte er mich tolldreist genug, wuethige Republikaner zu reizen, wenn sie nicht schon verkauft und verrathen waeren? Lomellin (betreten). Ich weiss nicht, was ich denke. Gianettino. Ich denke Etwas, das du nicht weisst. Der Schluss ist gefasst. Uebermorgen fallen zwoelf Senatoren. Doria wird Monarch, und Kaiser Karl wird ihn schuetzen--Du trittst zurueck? Lomellin. Zwoelf Senatoren! Mein Herz ist nicht weit genug, eine Blutschuld zwoelfmal zu fassen. Gianettino. Naerrchen, am Thron wirft man sie nieder. Siehst du, ich ueberlegte mit Karls Ministern, dass Frankreich in Genua noch starke Parteien haette, die es ihm zum zweiten Mal in die Haende spielen koennten, wenn man sie nicht mit der Wurzel vertilgte. Das wurmte beim alten Karl. Er unterschrieb meinen Anschlag--und du schreibst, was ich dictiere. Lomellin. Noch weiss ich nicht-Gianettino. Setze dich! Schreib! Lomellin. Was schreib' ich aber? (Setzt sich.) Gianettino. Die Namen der zwoelf Candidaten--Franz Zenturione. Lomellin (schreibt). Zum Dank fuer sein Votum fuehrt er den Leichenzug. Gianettino. Cornelio Calva. Lomellin. Calva. Gianettino. Michael Zibo. Lomellin. Eine Abkuehlung auf die Procuratur. Gianettino. Thomas Asserato mit drei Bruedern (Lomellin haelt inne.) Gianettino (nachdruecklich). Mit drei Bruedern. Lomellin (schreibt). Weiter. Gianettino. Fiesco von Lavagna. Lomellin. Geben Sie Acht! geben Sie Acht! Sie werden ueber diesem schwarzen Stein noch den Hals brechen. Gianettino. Scipio Bourgognino. Lomellin. Der mag anderswo Hochzeit halten. Gianettino. Wo ich Brautfuehrer bin--Raphael Sacco. Lomellin. Dem sollt' ich Pardon auswirken, bis er mir meine fuenftausend Scudi bezahlt hat. (Schreibt.) Der Tod macht quitt. Gianettino. Vincent Calcagno. Lomellin. Calcagno--den Zwoelften schreib' ich auf meine Gefahr, oder unser Todfeind ist vergessen. Gianettino. Ende gut, Alles gut. Joseph Verrina. Lomellin. Das war der Kopf des Wurms. (Steht auf, streut Sand, fliegt die Schrift durch, reicht sie dem Prinzen.) Der Tod gibt uebermorgen praechtige Gala und hat zwoelf genuesische Fuersten geladen. Gianettino (tritt zum Tisch, unterzeichnet). Es ist geschehen--In zwei Tagen ist Dogewahl. Wenn die Signoria versammelt ist, werden die Zwoelf auf das Signal eines Schnupftuchs mit einem ploetzlichen Schuss gestreckt, wenn zugleich meine zweihundert Deutsche das Rathhaus mit Sturm besetzen. Ist das vorbei, tritt Gianettino Doria in den Saal und laesst sich huldigen. (Klingelt.) Lomellin. Und Andreas? Gianettino (veraechtlich). Ist ein alter Mann. (Ein Bedienter.) Wenn der Herzog fragt, ich bin in der Messe. (Bedienter ab.) Der Teufel, der in mir steckt, kann nur in Heiligenmaske incognito bleiben. Lomellin. Aber das Blatt, Prinz? Gianettino. Nimmst du, laessest es durch unsre Partei circulieren. Dieser Brief muss mir Extrapost nach Levanto. Er unterrichtet den Spinola von Allem und heisst ihn frueh acht Uhr in der Hauptstadt hier eintreffen. (Will fort.) Lomellin. Ein Loch im Fass, Prinz! Fiesco besucht keinen Senat mehr. Gianettino (zurueckrufend). Doch noch einen Meuter wird Genua haben?--Ich sorge dafuer. (Ab in ein Seitenzimmer, Lomellin fort durch ein anderes.) Fuenfzehnter Auftritt Vorzimmer bei Fiesco. Fiesco mit Briefen und Wechseln. Mohr. Fiesco. Also vier Galeeren sind eingelaufen. Mohr. Liegen gluecklich in der Darsena vor Anker. Fiesco. Das kommt erwuenscht. Woher die Expressen? Mohr. Von Rom, Piacenza und Frankreich. Fiesco (bricht die Briefe auf, fliegt sie durch). Willkommen, willkommen in Genua! (Sehr aufgeraeumt.) Die Kuriere werden fuerstlich bewirthet. Mohr. Hum! (Will gehen.) Fiesco. Halt! Halt! Hier kommt Arbeit fuer dich die Fuelle. Mohr. Was steht zu Befehl? Die Nase des Spuerers oder der Stachel des Skorpions? Fiesco. Fuer jetzt des Lockvogels Schlag. Morgen frueh werden zweitausend Mann verkappt zur Stadt hereinschleichen, Dienste bei mir zu nehmen. Vertheile du deine Handlanger an den Thoren herum, mit der Ordre, auf die eintretenden Passagiers ein wachsames Auge zu haben. Einige werden als ein Trupp Pilgrime kommen, die nach Loretto wallfahrten gehen, andre als Ordensbrueder, oder Savoyarden, oder Komoedianten, wieder andre als Kraemer, oder als ein Trupp Musikanten, die meisten als abgedankte Soldaten, die genuesisches Brod essen wollen. Jeder Fremde wird ausgefragt, wo er einstellet; antwortet er: zur goldenen Schlange, so muss man ihn freundlich gruessen und meine Wohnung bedeuten. Hoere, Kerl! aber ich baue auf deine Klugheit. Mohr. Herr! wie auf meine Bosheit. Entwischt mir ein Lock Haare, so sollt Ihr meine zwei Augen in eine Windbuechse laden und Sperlinge damit schiessen. (Will fort.) Fiesco. Halt! noch eine Arbeit. Die Galeeren werden der Nation scharf in die Augen stechen. Merke auf, was davon die Rede wird. Fragt dich Jemand, so hast du von Weitem murmeln gehoert, dass dein Herr damit Jagd auf die Tuerken mache. Verstehst du? Mohr. Verstehe. Die Baerte der Beschnittenen liegen oben drauf. Was im Korb ist, weiss der Teufel. (Will fort.) Fiesco. Gemach. Noch eine Vorsicht. Gianettino hat neuen Grund, mich zu hassen und mir Fallen zu stellen. Geh, beobachte deine Kameraden, ob du nicht irgendwo einen Meuchelmord witterst. Doria besucht die verdaechtigen Haeuser. Haenge dich an die Toechter der Freude. Die Geheimnisse des Cabinets stecken sich gern in die Falten eines Weiberrocks; versprich ihnen goldspeiende Kunden--versprich deinen Herrn. Nichts kann zu ehrwuerdig sein, das du nicht in diesen Morast untertauchen sollst, bis du den festen Boden fuehlst. Mohr. Halt! Holla! Ich habe Eingang bei einer gewissen Diana Bononi und bin gegen fuenf Vierteljahr ihr Zufuehrer gewesen. Vorgestern sah ich den Procurator Lomellino aus ihrem Hause kommen. Fiesco. Wie gerufen. Eben der Lomellino ist der Hauptschluessel zu allen Tollheiten Dorias. Gleich morgen frueh musst du hingehen. Vielleicht ist er heute Nacht dieser keuschen Luna Endymion. Mohr. Noch ein Umstand, gnaediger Herr. Wenn mich die Genueser fragen--und ich bin des Teufels! das werden sie--wenn sie mich jetzt fragen: was denkt Fiesco zu Genua?--Werdet Ihr Eure Maske noch laenger tragen, oder was soll ich antworten? Fiesco. Antworten! Wart! Die Frucht ist ja zeitig. Wehen verkuendigen die Geburt--Genua liege auf dem Block, sollst du antworten, und dein Herr heisse Johann Ludwig Fiesco. Mohr (sich froh streckend). Was ich anbringen will, dass sich's gewaschen haben soll, bei meiner hundsfoettischen Ehre!--Aber nun hell auf, Freund Hassan! In ein Weinhaus zuerst! Meine Fuesse haben alle Haende voll zu thun--und muss meinen Magen caressieren, dass er mir bei meinen Beinen das Wort redt. (Eilt ab, kommt aber schnell zurueck.) A propos! Bald haett' ich das verplaudert. Was zwischen Eurer Frau und Calcagno vorging, habt Ihr gern wissen moegen!--Ein Korb ging vor, Herr, und Das war Alles. (Laeuft davon.) Sechzehnter Auftritt Fiesco bei sich. Ich bedaure, Calcagno--Meinten Sie etwa, ich wuerden den empfindlichen Artikel meines Ehebetts Preis geben, wenn mir meines Weibes Tugend und mein eigener Werth nicht Handschrift genug ausgestellt haetten? Doch willkommen mit dieser Schwaegerschaft. Du bist ein guter Soldat. Das soll mir deinen Arm zu Dorias Untergang kuppeln!--(Mit starkem Schritt auf und nieder.) Jetzt, Doria, mit mir auf den Kampfplatz! Alle Maschinen des grossen Wagestuecks sind im Gang. Zum schaudernden Concert alle Instrumente gestimmt. Nichts fehlt, als die Larve herabzureissen und Genuas Patrioten den Fiesco zu zeigen. (Man hoert kommen.) Ein Besuch! Wer mag mich jetzt stoeren? Siebzehnter Auftritt Voriger. Verrina. Romano mit einem Tableau. Sacco. Bourgognino. Calcagno. Alle verneigen sich. Fiesco (ihnen entgegen, voll Heiterkeit). Willkommen, meine wuerdigen Freunde! Welche wichtige Angelegenheit fuehrt Sie so vollzaehlig zu mir--Du auch da, theurer Bruder Verrina? Ich wuerde bald verlernt haben, dich zu kennen, waeren meine Gedanken nicht fleissiger um dich, als meine Augen. War's nicht seit dem letzten Ball, dass ich meinen Verrina entbehrte? Verrina. Zaehl' ihm nicht nach, Fiesco. Schwere Lasten haben indess sein graues Haar gebeugt. Doch genug hievon. Fiesco. Nicht genug fuer die wissbegierige Liebe. Du wirst mir mehr sagen muessen, wenn wir allein sind. (Zu Bourgognino.) Willkommen, junger Held! Unsre Bekanntschaft ist noch gruen, aber meine Freundschaft ist zeitig. Haben Sie Ihre Meinung von mir verbessert? Bourgognino. Ich bin auf dem Wege. Fiesco. Verrina, man sagt mir, dass dieser junge Cavalier dein Tochtermann werden soll. Nimm meinen ganzen Beifall zu dieser Wahl. Ich hab' ihn nur einmal gesprochen, und doch wuerd' ich stolz sein, wenn er der meinige waere. Verrina. Dieses Urtheil macht mich eitel auf meine Tochter. Fiesco (zu den Andern). Sacco? Calcagno?--Lauter seltne Erscheinungen in meinen Zimmern. Beinahe moechte ich mich meiner Dienstfertigkeit schaemen, wenn Genuas edelste Zierden sie voruebergehen--Und hier begruesse ich einen fuenften Gast, mir zwar fremd, doch empfohlen genug durch diesen wuerdigen Zirkel. Romano. Es ist ein Maler schlechtweg, gnaediger Herr, Romano mit Namen, der sich vom Diebstahl an der Natur ernaehrt, kein Wappen hat, als seinen Pinsel, und nun gegenwaertig ist, (mit einer tiefen Verbeugung) die grosse Linie zu einem Brutuskopfe zu finden. Fiesco. Ihre Hand, Romano. Ihre Meisterin ist eine Verwandte meines Hauses. Ich liebe sie bruederlich. Kunst ist die rechte Hand der Natur. Diese hat nur Geschoepfe, jene hat Menschen gemacht. Was malen Sie aber, Romano? Romano. Scenen aus dem nervigten Alterthum. Zu Florenz steht mein sterbender Hercules, meine Kleopatra zu Venedig, der wuethende Ajax zu Rom, wo die Helden der Vorwelt--im Vatican wieder auferstehen. Fiesco. Und was ist wirklich Ihres Pinsels Beschaeftigung? Romano. Er ist weggeworfen, gnaediger Herr. Das Licht des Genies bekam weniger Fett, als das Licht des Lebens. Ueber einen gewissen Punkt hinaus brennt nur die papierne Krone. Hier ist meine letzte Arbeit. Fiesco (aufgeraeumt). Sie koennte nicht erwuenschter gekommen sein. Ich bin heute ganz ungewoehnlich heiter, mein ganzes Wesen feiert eine gewisse heroische Ruhe, ganz offen fuer die schoene Natur. Stellen Sie Ihr Tableau auf. Ich will mir ein rechtes Fest daraus bereiten. Tretet herum, meine Freunde. Wir wollen uns ganz dem Kuenstler schenken. Stellen Sie Ihr Tableau auf. Verrina (winkt den Andern). Nun merket auf, Genueser! Romano (stellt das Gemaelde zurecht). Das Licht muss von der Seite spielen. Ziehen Sie jenen Vorhang auf. Diesen lassen Sie fallen. Gut. (Er tritt auf die Seite.) Es ist die Geschichte der Virginia und des Appius Claudius. (Lange ausdrucksvolle Pause, worin alle die Malerei betrachten.) Verrina (in Begeisterung). Spritz zu, eisgrauer Vater!--Zuckst du, Tyrann?--Wie so bleich steht ihr Kloetze Roemer--ihm nach, Roemer--das Schlachtmesser blinkt--Mir nach, Kloetze Genueser--Nieder mit Doria! Nieder! nieder! (Er haut gegen das Gemaelde.) Fiesco (laechelnd zum Maler.) Fordern Sie mehr Beifall? Ihre Kunst macht diesen alten Mann zum bartlosen Traeumer. Verrina (erschoepft). Wo bin ich? Wo sind sie hingekommen? Weg, wie Blasen? Du hier, Fiesco? Der Tyrann lebt noch, Fiesco? Fiesco. Siehst du? Ueber vielem Sehen hast du die Augen vergessen. Diesen Roemerkopf findest du bewundernswerth? Weg mit ihm! Hier das Maedchen blick' an! Dieser Ausdruck, wie weich, wie weiblich! Welche Anmuth auch aus den welkenden Lippen? Welche Wollust im verloeschenden Blick?--Unnachahmlich! goettlich, Romano!--Und noch die weisse, blendende Brust, wie angenehm noch von des Athems letzten Wellen gehoben! Mehr solche Nymphen, Romano, so will ich vor Ihren Phantasieen knieen und der Natur einen Scheidebrief schreiben. Bourgognino. Verrina, ist das deine gehoffte herrliche Wirkung? Verrina. Fasse Muth, Sohn. Gott verwarf den Arm des Fiesco, er muss auf den unsrigen rechnen. Fiesco (zum Maler). Ja, es ist Ihre letzte Arbeit, Romano. Ihr Markt ist erschoepft. Sie ruehren keinen Pinsel mehr an. Doch ueber des Kuenstlers Bewunderung vergess' ich das Werk zu verschlingen. Ich koennte hier stehen und hingaffen und ein Erdbeben ueberhoeren. Nehmen Sie Ihr Gemaelde weg. Sollt' ich Ihnen diesen Virginiakopf bezahlen, muesst' ich Genua in Versatz geben. Nehmen Sie weg. Romano. Mit Ehre bezahlt sich der Kuenstler. Ich schenke es Ihnen. (Er will hinaus.) Fiesco. Eine kleine Geduld, Romano. (Er geht mit majestaetischem Schritt im Zimmer und scheint ueber etwas Grosses zu denken. Zuweilen betrachtet er die Andern fliegend und scharf, endlich nimmt er den Maler bei der Hand, fuehrt ihn vor das Gemaelde.) Tritt her, Maler! (Aeusserst stolz und mit Wuerde.) So trotzig stehst du da, weil du Leben auf todten Tuechern heuchelst und grosse Thaten mit kleinem Aufwand verewigst. Du prahlst mit Poetenhitze, der Phantasie marklosem Marionettenspiel, ohne Herz, ohne thatenerwaermende Kraft; stuerzest Tyrannen auf Leinwand;--bist selbst ein elender Sklave? Machst Republiken mit einem Pinsel frei;--kannst deine eignen Ketten nicht brechen? (Voll und befehlend.) Geh! Deine Arbeit ist Gaukelwerk--der Schein weiche der That--(Mit Groesse, indem er das Tableau umwirft.) Ich habe gethan, was du--nur maltest. (Alle erschuettert. Romano traegt sein Tableau mit Bestuerzung fort.) Achtzehnter Auftritt Fiesco. Verrina. Bourgognino. Sacco. Calcagno. Fiesco (unterbricht eine Pause des Erstaunens). Dachtet ihr, der Loewe schliefe, weil er nicht bruellte? Waret ihr eitel genug, euch zu ueberreden, dass ihr die Einzigen waeret, die Genuas Ketten fuehlten? die Einzigen, die sie zu zerreissen wuenschten? Eh ihr sie nur fern rasseln hoertet, hatte sie schon Fiesco zerbrochen. (Er oeffnet die Schatulle, nimmt ein Paket Briefe heraus, die er alle ueber die Tafel spreitet.) Hier Soldaten von Parma--hier franzoesisches Geld--hier vier Galeeren vom Papst. Was fehlt noch, einen Tyrannen in seinem Nest aufzujagen? Was wisst ihr noch zu erinnern? (Da sie alle erstarrt schweigen, tritt er von der Tafel mit Selbstgefuehl.) Republikaner, ihr seid geschickter, Tyrannen zu verfluchen, als sie in die Luft zu sprengen. (Alle, ausser Verrina, werfen sich sprachlos Fiesco zu Fuessen.) Verrina. Fiesco!--Mein Geist neigt sich vor dem deinigen--mein Knie kann es nicht--Du bist ein grosser Mensch!--aber--Steht auf, Genueser. Fiesco. Ganz Genua aergerte sich an dem Weichling Fiesco. Ganz Genua fluchte ueber den verbuhlten Schurken Fiesco. Genueser! Genueser! Meine Buhlerei hat den arglistigen Despoten betrogen, meine Tollheit hat eurem Fuerwitz meine gefaehrliche Weisheit verhuellt. In den Windeln der Ueppigkeit lag das erstaunliche Werk der Verschwoerung gewickelt. Genug. Genua kennt ich in euch. Mein ungeheuerster Wunsch ist befriedigt. Bourgognino (wirft sich unmuthig in einen Sessel). Bin ich denn gar nichts mehr? Fiesco. Aber lasst uns schleunig von Gedanken zu Thaten gehn. Alle Maschinen sind gerichtet. Ich kann die Stadt von Land und Wasser bestuermen. Rom, Frankreich und Parma bedecken mich. Der Adel ist schwierig. Des Poebels Herzen sind mein. Die Tyrannen hab' ich in Schlummer gesungen. Die Republik ist zu einem Umgusse zeitig. Mit dem Glueck sind wir fertig. Nichts fehlt--Aber Verrina ist nachdenkend? Bourgognino. Geduld. Ich hab' ein Woertchen, das ihn rascher aufschrecken soll, als des juengsten Tages Posaunenruf. (Er tritt zu Verrina, ruft ihm bedeutend zu.) Vater, wach' auf! Deine Bertha verzweifelt. Verrina. Wer sprach das?--Zum Werk, Genueser! Fiesco. Ueberlegt den Entwurf zur Vollstreckung. Ueber dem ernsten Gespraech hat uns die Nacht ueberrascht. Genua liegt schlafen. Der Tyrann faellt erschoepft von den Suenden des Tages nieder. Wachet fuer beide! Bourgognino. Eh wir scheiden, lasst uns den heldenmuethigen Bund durch eine Umarmung beschwoeren. (Sie schliessen mit verschraenkten Armen einen Kreis.) Hier wachsen Genuas fuenf groesste Herzen zusammen, Genuas groesstes Loos zu entscheiden. (Druecken sich inniger.) Wenn der Welten Bau auseinander faellt und der Spruch des Gerichts auch die Bande des Bluts, auch der Liebe zerschneidet, bleibt dieses fuenffache Heldenblatt ganz! (Treten auseinander.) Verrina. Wann versammeln wir uns wieder? Fiesco. Morgen Mittag will ich eure Meinungen sammeln. Verrina. Morgen Mittag denn. Gute Nacht, Fiesco! Bourgognino, komm! Du wirst etwas Seltsames hoeren. (Beide ab.) Fiesco (zu den Andern). Geht ihr zu den Hinterthoren hinaus, dass Dorias Spionen nichts merken. (Alle entfernen sich.) Neunzehnter Auftritt Fiesco, der nachdenkend auf und nieder geht. Welch ein Aufruhr in meiner Brust! welche heimliche Flucht der Gedanken--Gleich verdaechtigen Bruedern, die auf eine schwarze That ausgehen, auf den Zehen schleichen und ihr flammroth Gesicht furchtsam zu Boden schlagen, stehlen sich die ueppigen Phantome an meiner Seele vorbei--Haltet! haltet! Lasst mich euch ins Angesicht leuchten--ein guter Gedanke staehlet des Mannes Herz und zeigt sich heldenmaessig dem Tage.--Ha! ich kenne euch!--das ist die Liverei des ewigen Luegners--verschwindet! (Wieder Pause, darauf lebhafter.) Republikaner Fiesco? Herzog Fiesco?--Gemach--Hier ist der gaehe Hinuntersturz, wo die Mark der Tugend sich schliesst, sich scheiden Himmel und Hoelle--Eben hier haben Helden gestrauchelt, und Helden sind gesunken, und die Welt belagert ihren Namen mit Fluechen--Eben hier haben Helden gezweifelt, und Helden sind still gestanden und Halbgoetter geworden--(Rascher.) Dass sie mein sind, die Herzen von Genua? Dass von meinen Haenden dahin, dorthin sich gaengeln laesst das furchtbare Genua?--O ueber die schlaue Suende, die einen Engel vor jeden Teufel stellt--Unglueckselige Schwungsucht! uralte Buhlerei! Engel kuessten an deinem Halse den Himmel hinweg, und der Tod sprang aus deinem kreissenden Bauche--(Sich schaudernd schuettelnd.) Engel fingst du mit Sirenentrillern von Unendlichkeit--Menschen angelst du mit Gold, Weibern und Kronen! (Nach einer nachdenkenden Pause, fest.) Ein Diadem erkaempfen ist gross. Es wegwerfen ist goettlich. (Entschlossen.) Geh unter, Tyrann! Sei frei, Genua, und ich (sanft geschmolzen) dein gluecklichster Buerger! Dritter Aufzug Furchtbare Wildniss. Erster Auftritt Verrina. Bourgognino kommen durch die Nacht. Bourgognino (steht still.)A wohin fuehrst du mich, Vater? Der dumpfe Schmerz, womit du mich abriefst, keucht noch immer aus deinem arbeitenden Odem. Unterbrich dieses grauenvolle Schweigen. Rede. Ich folge nicht weiter. Verrina. Das ist der Ort. Bourgognino. Der schrecklichste, den du auffinden konntest. Vater, wenn Das, was du hier vornehmen wirst, dem Orte gleich sieht, Vater, so werden meine Haarspitzen aufwaerts springen. Verrina. Doch bluehet das, gegen die Nacht meiner Seele. Folge mir dahin, wo die Verwesung Leichname morsch frisst, und der Tod seine schaudernde Tafel haelt--dahin, wo das Gewinsel verlorner Seelen Teufel belustigt, und des Jammers undankbare Thraenen im durchloecherten Sieb der Ewigkeit ausrinnen--dahin, mein Sohn, wo die Welt ihre Losung aendert, und die Gottheit ihr allguetiges Wappen bricht--dort will ich zu dir durch Verzerrungen sprechen, und mit Zaehneklappern wirst du hoeren. Bourgognino. Hoeren? Was? ich beschwoere dich. Verrina. Juengling! ich fuerchte--Juengling, dein Blut ist rosenroth--dein Fleisch ist milde geschmeidig; dergleichen Naturelle fuehlen menschlich weich; an dieser empfindenden Flamme schmilzt meine grausame Weisheit. Haette der Frost des Alters oder der bleierne Gram den froehlichen Sprung deiner Geister gestellt--haette schwarzes, klumpigtes Blut der leidenden Natur den Weg zum Herzen gesperrt, dann waerst du geschickt, die Sprache meines Grams zu verstehen und meinen Entschluss anzustaunen. Bourgognino. Ich werde ihn hoeren und mein machen. Verrina. Nicht darum, mein Sohn--Verrina wird damit dein Herz verschonen. O Scipio, schwere Lasten liegen auf dieser Brust--ein Gedanke, grauenvoll, wie die lichtscheue Nacht--ungeheuer genug, eine Mannsbrust zu sprengen--Siehst du? Allein will ich ihn vollfuehren--allein tragen kann ich ihn nicht. Wenn ich stolz waere, Scipio, ich koennte sagen, es ist eine Qual, der einzige grosse Mann zu sein--Groesse ist dem Schoepfer zur Last gefallen, und er hat Geister zu Vertrauten gemacht--Hoere, Scipio-Bourgognino. Meine Seele verschlingt die deinige. Verrina. Hoere, aber erwiedre nichts. Nichts, junger Mensch! Hoerst du? Kein Wort sollst du drauf sagen--Fiesco muss sterben! Bourgognino (mit Bestuerzung). Sterben? Fiesco? Verrina. Sterben!--Ich danke dir, Gott! es ist heraus--Fiesco sterben, Sohn, sterben durch mich!--Nun geh--es gibt Thaten, die sich keinem Menschen-Urtheil mehr unterwerfen--nur den Himmel zum Schiedsmann erkennen--Das ist eine davon. Geh. Ich will weder deinen Tadel, noch deinen Beifall. Ich weiss, was sie mich kostet, und damit gut. Doch hoere--du koenntest dich wohl gar wahnsinnig daran denken--Hoere--sahest du ihn gestern in unsrer Bestuerzung sich spiegeln?--Der Mann, dessen Laecheln Italien irre fuehrte, wird er seines Gleichen in Genua dulden?--Geh. Den Tyrannen wird Fiesco stuerzen, das ist gewiss! Fiesco wird Genuas gefaehrlichster Tyrann werden, das ist gewisser! (Er geht schnell ab. Bourgognino blickt ihm staunend und sprachlos nach, dann folgt er ihm langsam.) Zweiter Auftritt Saal bei Fiesco. In der Mitte des Hintergrunds eine grosse Glasthuere, die den Prospect ueber das Meer und Genua oeffnet. Morgendaemmerung.--Fiesco vom Fenster. Was ist das?--der Mond ist unter--Der Morgen kommt feurig aus der See--Wilde Phantasieen haben meinen Schlaf aufgeschwelgt--mein ganzes Wesen krampfig um eine Empfindung gewaelzt--Ich muss mich im Offenen dehnen. (Er macht die Glasthuere auf. Stadt und Meer von Morgenroth ueberflammt. Fiesco mit starken Schritten im Zimmer.) Dass ich der groesste Mann bin im ganzen Genua? und die kleineren Seelen sollten sich nicht unter die grosse versammeln?--Aber ich verletze die Tugend? (steht still.) Tugend?--Der erhabene Kopf hat andre Versuchungen, als der gemeine--Sollt' er Tugend mit ihm zu theilen haben?--Der Harnisch, der des Pygmaeen schmaechtigen Koerper zwingt, sollte der einem Riesenleib anpassen muessen? Die Sonne geht auf ueber Genua. Diese majestaetische Stadt! (Mit offenen Armen dagegen eilend.) Mein! --und drueber emporzuflammen, gleich dem koeniglichen Tag--drueber zu brueten mit Monarchenkraft--all die kochenden Begierden--all die nimmersatten Wuensche in diesem grundlosen Ocean unterzutauchen?-- Gewiss! Wenn auch des Betruegers Witz den Betrug nicht adelt, so adelt doch der Preis den Betrueger. Es ist schimpflich, eine Boerse zu leeren--es ist frech, eine Million zu veruntreuen, aber es ist namenlos gross, eine Krone zu stehlen. Die Schande nimmt ab mit der wachsenden Suende. (Pause, dann mit Ausdruck.) Gehorchen!-- Herrschen!--ungeheure schwindlichte Kluft--Legt Alles hinein, was der Mensch Kostbares hat--eure gewonnenen Schlachten, Eroberer-- Kuenstler, eure unsterblichen Werke--eure Wollueste, Epikure--eure Meere und Inseln, ihr Weltumschiffer! Gehorchen und Herrschen!-- Sein und Nichtsein! Wer ueber den schwindlichten Graben vom letzten Seraph zum Unendlichen setzt, wird auch diesen Sprung ausmessen. (Mit erhabenem Spiel.) Zu stehen in jener schrecklich erhabenen Hoehe--niederzuschmollen in der Menschlichkeit reissenden Strudel, wo das Rad der blinden Betruegerin Schicksale schelmisch waelzt-- den ersten Mund am Becher der Freude--tief unten den geharnischten Riesen Gesetz am Gaengelbande zu lenken--schlagen zu sehen unvergoltene Wunden, wenn sein kurzarmiger Grimm an das Gelaender der Majestaet ohnmaechtig poltert--die unbaendigen Leidenschaften des Volks, gleich so viel strampfenden Rossen, mit dem weichen Spiele des Zuegels zu zwingen--den emporstrebenden Stolz der Vasallen mit einem--einem Athemzug in den Staub zu legen, wenn der schoepferische Fuerstenstab auch die Traeume des fuerstlichen Fiebers ins Leben schwingt.--Ha! welche Vorstellung, die den staunenden Geist ueber seine Linien wirbelt!--Ein Augenblick Fuerst hat das Mark des ganzen Daseins verschlungen. Nicht der Tummelplatz des Lebens--sein Gehalt bestimmt seinen Werth. Zerstuecke den Donner in seine einfachen Silben, und du wirst Kinder damit in den Schlummer singen; schmelze sie zusammen in einen ploetzlichen Schall, und der monarchische Laut wird den ewigen Himmel bewegen--Ich bin entschlossen! (Heroisch auf und nieder.) Dritter Auftritt Voriger. Leonore tritt herein mit merklicher Angst. Leonore. Vergeben Sie, Graf. Ich fuerchte, Ihre Morgenruhe zu stoeren. Fiesco (tritt hoechst betreten zurueck.) Gewiss, gnaedige Frau, Sie ueberraschen mich seltsam. Leonore. Das begegnet nur den Liebenden nie. Fiesco. Schoene Graefin, Sie verrathen Ihre Schoenheit an den feindlichen Morgenhauch. Leonore. Auch wuesst' ich nicht, warum ich den wenigen Rest fuer den Gram schonen sollte. Fiesco. Gram, meine Liebe? Stand ich bisher im Wahn, Staaten nicht umwuehlen wollen, hiesse Gemuethsruhe? Leonore. Moeglich--Doch fuehl' ich, dass meine Weiberbrust unter dieser Gemuethsruhe bricht. Ich komme, mein Herr, Sie mit einer nichtsbedeutenden Bitte zu belaestigen, wenn Sie Zeit fuer mich wegwerfen moechten. Seit sieben Monaten hatt' ich den seltsamen Traum, Graefin von Lavagna zu sein. Er ist verflogen. Der Kopf schmerzt mir davon. Ich werden den ganzen Genuss meiner unschuldigen Kindheit zurueckrufen muessen, meine Geister von diesem lebhaften Phantome zu heilen. Erlauben Sie darum, dass ich in die Arme meiner guten Mutter zurueckkehre? Fiesco (aeusserst bestuerzt). Graefin? Leonore. Es ist ein schwaches, verzaerteltes Ding, mein Herz, mit dem Sie Mitleiden haben muessen. Auch die geringsten Andenken des Traums koennten meiner kranken Einbildung Schaden thun. Ich stelle desswegen die letzten ueberbliebenen Pfaender ihrem rechtmaessigen Besitzer zurueck. (Sie legt einige Galanterieen auf ein Tischchen.) Auch diesen Dolch, der mein Herz durchfuhr--(seinen Liebesbrief) auch diesen--und (indem sie sich laut weinend hinausstuerzen will) behalte nichts, als die Wunde! Fiesco (erschuettert, eilt ihr nach, haelt sie auf). Leonore! Welch ein Auftritt! Um Gotteswillen! Leonore (faellt matt in seinen Arm). Ihre Gemahlin zu sein, hab' ich nicht verdient, aber Ihre Gemahlin haette Achtung verdient--Wie sie jetzt zischen, die Laesterzungen! Wie sie auf mich herabschielen, Genuas Damen und Maedchen! »Seht, wie sie wegblueht, die Eitle, die den Fiesco heirathete.«--Grausame Ahndung meiner weiblichen Hoffart! Ich hatte mein ganzes Geschlecht verachtet, da mich Fiesco zum Brautaltar fuehrte. Fiesco. Nein, wirklich, Madonna! dieser Auftritt ist sonderbar. Leonore. Ah, erwuenscht. Er wird blass und roth. Jetzt bin ich muthig. Fiesco. Nur zwei Tage, Graefin, und dann richten Sie mich. Leonore. Aufgeopfert!--Lass mich es nicht vor dir aussprechen, jungfraeuliches Licht! Aufgeopfert einer Buhlerin. Nein, sehen Sie mich an, mein Gemahl! Wahrhaftig, die Augen, die ganz Genua in knechtisches Zittern jagen, muessen sich jetzt vor den Thraenen eines Weibes verkriechen.-Fiesco (aeusserst verwirrt). Nicht mehr, Signora. Nicht weiter. Leonore (mit Wehmuth und etwas bitter). Ein schwaches Weiberherz zu zerfleischen! O es ist des starken Geschlechts so wuerdig.--Ich warf mich in die Arme dieses Mannes. An diesen Starken schmiegten sich wolluestig alle meine weiblichen Schwaechen. Ich uebergab ihm meinen ganzen Himmel--Der grossmuethige Mann verschenkte ihn an eine-Fiesco (stuerzt ihr mit Heftigkeit ins Wort). Meine Leonore! nein-Leonore. Meine Leonore?--Himmel, habe Dank! das war wieder echter Goldklang der Liebe. Hassen sollt' ich dich, Falscher, und werfe mich hungrig auf die Brosamen deiner Zaertlichkeit--Hassen? Sagte ich hassen, Fiesco? O glaub' es nicht! Sterben lehrt mich dein Meineid, aber nicht hassen. Mein Herz ist betrogen. (Man hoert den Mohren.) Fiesco. Leonore, erfuellen Sie mir eine kleine kindische Bitte. Leonore. Alles, Fiesco, nur nicht Gleichgueltigkeit. Fiesco. Was Sie wollen, wie Sie wollen--(Bedeutend.) Bis Genua um zwei Tage aelter ist, fragen Sie nicht, verdammen Sie nicht! (Er fuehrt sie mit Anstand in ein anderes Zimmer.) Vierter Auftritt Mohr keuchend. Fiesco. Fiesco. Woher so in Athem? Mohr. Geschwind, gnaediger Herr-Fiesco. Ist was ins Garn gelaufen? Mohr. Lest diesen Brief. Bin ich denn wirklich da? Ich glaube, Genua ist um zwoelf Gassen kuerzer worden, oder meine Beine um so viel laenger. Ihr verblasst? Ja, um Koepfe werden sie karten, und der Eure ist Tarock. Wie gefaellt's Euch? Fiesco (wirft den Brief erschuettert auf den Tisch). Krauskopf und zehn Teufel! wie kommst zu diesem Brief? Mohr. Ungefaehr wie--Euer Gnaden zur Republik. Ein Expresser sollte damit nach Levanto fliegen! Ich wittre den Frass, laure dem Burschen in einem Hohlweg auf. Baff, liegt der Marder--wir haben das Huhn. Fiesco. Sein Blut ueber dich! Der Brief ist nicht mit Gold zu bezahlen. Mohr. Doch dank' ich fuer Silber. (Ernsthaft und wichtig.) Graf von Lavagna! Ich habe neulich einen Gelust nach Eurem Kopf gehabt. (Indem er auf den Brief deutet.) Hier waer' er wieder--Jetzt, denk' ich, waeren gnaediger Herr und Halunke quitt. Fuers Weitere koennt Ihr Euch beim guten Freund bedanken. (Reicht ihm einen zweiten Zettel.) Numero zwei. Fiesco (nimmt das Blatt mit Erstaunen). Wirst du toll sein? Mohr. Numero zwei. (Er stellt sich trotzig neben ihn, stemmt den Ellenbogen an.) Der Loewe hat's doch so dumm nicht gemacht, dass er die Maus pardonnierte? (Arglistig.) Gelt! er hat's schlau gemacht, wer haett ihn auch sonst aus dem Garne genagt?--Nun? Wie behagt Euch das? Fiesco. Kerl, wie viel Teufel besoldest du? Mohr. Zu dienen--nur einen, und der steht in graeflichem Futter. Fiesco. Dorias eigene Unterschrift!--Wo bringst du das Blatt her? Mohr. Warm aus den Haenden meiner Bononi. Ich machte mich noch die gestrige Nacht dahin, liess Eure schoenen Worte und Eure noch schoenern Zechinen klingen. Die letzten drangen durch. Frueh sechs sollt' ich wieder anfragen. Der Graf war richtig dort, wie Ihr sagtet, und bezahlte mit Schwarz und Weiss das Weggeld zu einem contrebandenen Himmelreich. Fiesco (aufgebracht). Ueber die feilen Weiberknechte!--Republiken wollen sie stuerzen, koennen keiner Metze nicht schweigen. Ich sehe aus diesen Papieren, dass Doria und sein Anhang Komplott gemacht haben, mich mit eilf Senatoren zu ermorden und Gianettino zum souveraenen Herzog zu machen. Mohr. Nicht anders, und das schon am Morgen der Dogewahl, dem dritten des Monats. Fiesco (rasch.) Unsere flinke Nacht soll diesen Morgen in Mutterleibe erwuergen--Geschwind, Hassan--meine Sachen sind reif--Rufe die Andern--wir wollen ihnen einen blutigen Vorsprung machen--Tummle dich, Hassan! Mohr. Noch muss ich Euch meinen Schubsack von Zeitungen stuerzen. Zweitausend Mann sind gluecklich hereinprakticiert. Ich habe sie bei den Kapuzinern untergebracht, wo auch kein vorlauter Sonnenstrahl sie ausspionieren soll. Sie brennen vor Neugier, ihren Herrn zu sehen, und es sind treffliche Kerl. Fiesco. Aus jedem Kopf blueht ein Scudi fuer dich--Was murmelt Genua zu meinen Galeeren? Mohr. Das ist ein Hauptspass, gnaediger Herr. Ueber die vierhundert Abenteurer, die der Friede zwischen Frankreich und Spanien auf den Sand gesetzt hat, nisteten sich an meine Leute und bestuermten sie, ein gutes Wort fuer sie bei Euch einzulegen, dass Ihr sie gegen die Unglaeubigen schicken moegt. Ich habe sie auf den Abend zu Euch in den Schlosshof beschieden. Fiesco (froh.) Bald sollt' ich dir um den Hals fallen, Schurke! Ein Meisterstreich! Vierhundert, sagst du?--Genua ist nicht mehr zu retten. Vierhundert Scudi sind dein. Mohr (treuherzig.) Gelt, Fiesco? Wir Zwei wollen Genua zusammenschmeissen, dass man die Gesetze mit dem Besen aufkehren kann--Das hab' ich Euch nie gesagt, dass ich unter der hiesigen Garnison meine Voegel habe, auf die ich zaehlen kann, wie auf meine Hoellenfahrt. Nun hab' ich veranstaltet, dass wir auf jedem Thor wenigstens sechs Creaturen unter der Wache haben, die genug sind, die Andern zu beschwaetzen und ihre fuenf Sinne unter Wein zu setzen. Wenn Ihr also Lust habt, diese Nacht einen Streich zu wagen, so findet Ihr die Wachen besoffen. Fiesco. Rede nichts mehr. Bis jetzt hab' ich den ungeheuren Quader ohne Menschenhilfe gewaelzt; hart am Ziel soll mich der schlechteste Kerl in der Rundung beschaemen?--Deine Hand, Bursche! Was dir der Graf schuldig bleibt, wird der Herzog hereinholen. Mohr. Ueberdies noch ein Billet von der Graefin Imperiali. Sie winkte mir von der Gasse hinauf, war sehr gnaedig, fragte mich spoettelnd, ob die Graefin von Lavagna keinen Anfall von Gelbsucht gehabt haette? Euer Gnaden, sagt' ich, fragen nur einem Befinden nach, sagt' ich-Fiesco (hat das Billet gelesen und wirft es weg). Sehr gut gesagt; sie antwortete? Mohr. Antwortete, sie bedaure dennoch das Schicksal der armen Wittwe, erbiete sich auch, ihr Genugthuung zu geben und Euer Gnaden Galanterieen kuenftig zu verbitten. Fiesco (haemisch). Welche sich wohl noch vor Welt-Untergang aufheben duerften--Das die ganze Erheblichkeit, Hassan? Mohr (boshaft). Gnaediger Herr, Angelegenheiten der Damen sind es zunaechst nach den politischen-Fiesco. O ja freilich, und diese allerdings. Aber was willst du mit diesem Papierchen? Mohr. Eine Teufelei mit einer andern auskratzen--Diese Pulver gab mir Signora, Eurer Frau taeglich eins in die Chocolade zu ruehren. Fiesco (tritt blass zurueck). Gab dir? Mohr. Donna Julia, Graefin Imperiali. Fiesco (reisst ihm solche weg, heftig). Luegst du, Canaille, lass' ich dich lebendig an den Wetterhahn vom Lorenzothurm schmieden, wo dich der Wind in einem Athemzug neunmal herumtreibt--die Pulver? Mohr (ungeduldig). Soll ich Eurer Frau in der Chocolade zu saufen geben, verordnete Donna Julia Imperiali. Fiesco (ausser Fassung). Ungeheuer! Ungeheuer!--dieses holdselige Geschoepf?--Hat so viel Hoelle in einer Frauenzimmerseele Platz?--Doch, ich vergass dir zu danken, himmlische Vorsicht, die du es nichtig machst--nichtig durch einen aergeren Teufel. Deine Wege sind sonderbar. (Zum Mohren.) Du versprichst, zu gehorchen, und schweigst. Mohr. Sehr wohl. Das Letzte kann ich, sie bezahlte mir's baar. Fiesco. Dieses Billet ladet mich zu ihr--Ich will kommen, Madame! Ich will Sie beschwaetzen, bis Sie hieher folgen. Gut. Du eilst nunmehr, was du eilen kannst, rufst die ganze Verschwoerung zusammen. Mohr. Diesen Befehl hab' ich vorausgewittert und darum Jeden auf meine Faust Punkt zehn Uhr hieher bestellt. Fiesco. Ich hoere Tritte. Sie sind's. Kerl, du verdientest deinen eigenen Galgen, wo noch kein Sohn Adams gezappelt hat. Geh ins Vorzimmer, bis ich laeute. Mohr (im Abgehen). Der Mohr hat seine Arbeit gethan, der Mohr kann gehen. (Ab.) Fuenfter Auftritt Alle Verschwornen. Fiesco (ihnen entgegen). Das Wetter ist im Anzug. Die Wolken laufen zusammen. Tretet leis auf! Lasst beide Schloesser vorfallen! Verrina. Acht Zimmer hinter uns hab' ich zugeriegelt; der Argwohn kann auf hundert Mannsschritte nicht beikommen. Bourgognino. Hier ist kein Verraether, wenn's unsre Furcht nicht wird. Fiesco. Furcht kann nicht ueber meine Schwelle. Willkommen, wer noch der Gestrige ist. Nehmt eure Plaetze. (Setzen sich.) Bourgognino (spaziert im Zimmer). Ich sitze ungern, wenn ich ans Umreissen denke. Fiesco. Genueser, das ist eine merkwuerdige Stunde. Verrina. Du hast uns aufgefordert, einem Plan zum Tyrannenmord nachzudenken. Frage uns. Wir sind da, dir Rede zu geben. Fiesco. Zuerst also--eine Frage, die spaet genug kommt, um seltsam zu klingen--Wer soll fallen? (Alle schweigen.) Bourgognino (indem er sich ueber Fiescos Sessel lehnt, bedeutend). Die Tyrannen. Fiesco. Wohlgesprochen, die Tyrannen. Ich bitte euch, gebt genau Acht auf die ganze Schwere des Worts. Wer die Freiheit zu stuerzen Miene macht, oder Gewicht hat?--Wer ist mehr Tyrann? Verrina. Ich hasse den Ersten, den Letzten fuerchte ich. Andreas Doria falle! Calcagno (in Bewegung). Andreas, der abgelebte Andreas, dessen Rechnung mit der Natur vielleicht uebermorgen zerfallen ist? Sacco. Andreas, der sanftmuethige Alte? Fiesco. Furchtbar ist dieses alten Mannes Sanftmuth, mein Sacco! Gianettinos Tolltrotz nur laecherlich. Andreas Doria falle! das sprach deine Weisheit, Verrina. Bourgognino. Ketten von Stahl oder Seide--es sind Ketten, und Andreas Doria falle! Fiesco (zum Tisch gehend). Also den Stab gebrochen ueber Onkel und Neffen! Unterzeichnet! (Alle unterschreiben.) Das Wer? ist berichtigt. (Setzen sich wieder.) Nun zum gleich merkwuerdigen Wie?--Reden Sie zuerst, Freund Calcagno. Calcagno. Wir fuehren es aus wie Soldaten oder wie Meuter. Jenes ist gefaehrlich, weil es uns zwingt, viele Mitwisser zu haben, gewagt, weil die Herzen der Nation noch nicht ganz gewonnen sind--diesem sind fuenf gute Dolche gewachsen. In drei Tagen ist hohe Messe in der Lorenzokirche. Beide Doria halten dort ihre Andacht. In der Naehe des Allerhoechsten entschlaeft auch Tyrannenangst. Ich sagte Alles. Fiesco (abgewandt). Calcagno--abscheulich ist Ihre vernuenftige Meinung--Raphael Sacco? Sacco. Calcagnos Gruende gefallen mir, seine Wahl empoert. Besser, Fiesco laesst Oheim und Neffen zu einem Gastmahle laden, wo sie dann, zwischen den ganzen Groll der Republik gepresst, die Wahl haben, den Tod entweder an unsern Dolchen zu essen, oder in gutem Cyprier Bescheid zu thun. Wenigstens bequem ist diese Methode. Fiesco (mit Entsetzen). Sacco, und wenn der Tropfe Wein, den ihre sterbende Zunge kostet, zum siedenden Pech wird, ein Vorschmack der Hoelle--Wie dann, Sacco?--Weg mit diesem Rath! Sprich du, Verrina. Verrina. Ein offenes Herz zeigt eine offene Stirn. Meuchelmord bringt uns in jedes Banditen Bruederschaft. Das Schwert in der Hand deutet den Helden. Meine Meinung ist, wir geben laut das Signal des Aufruhrs, rufen Genuas Patrioten stuermend zur Rache auf. (Er faehrt vom Sessel. Die Andern folgen. Bourgognino wirft sich ihm um den Hals.) Bourgognino. Und zwingen mit gewaffneter Hand dem Glueck eine Gunst ab? Das ist die Stimme der Ehre und die meinige. Fiesco. Und die meinige. Pfui, Genueser! (Zu Calcagno und Sacco.) Das Glueck hat bereits schon zu viel fuer uns gethan, wir muessen uns selbst auch noch Arbeit geben--Also Aufruhr, und den noch diese Nacht, Genueser! (Verrina, Bourgognino erstaunen. Die Andern erschrecken.) Calcagno. Was? noch diese Nacht? Noch sind die Tyrannen zu maechtig, noch unser Anhang zu duenne. Sacco. Diese Nacht noch? und es ist nichts gethan, und die Sonne geht schon bergunter? Fiesco. Eure Bedenklichkeiten sind sehr gegruendet, aber lest diese Blaetter. (Er reicht ihnen die Handschriften Gianettinos und geht, indess sie neugierig lesen, haemisch auf und nieder.) Jetzt fahre wohl, Doria, schoener Stern! Stolz und vorlaut standst du da, als haettest du den Horizont von Genua verpachtet, und sahest doch, dass auch die Sonne den Himmel raeumt und das Scepter der Welt mit dem Monde theilt. Fahre wohl, Doria, schoener Stern! Auch Patroklus ist gestorben, Und war mehr als du. Bourgognino (nachdem sie die Blaetter gelesen). Das ist graesslich! Calcagno. Zwoelf auf einen Schuss! Verrina. Morgen in der Signoria! Bourgognino. Gebt mir die Zettel. Ich reite spornstreichs durch Genua, halte sie so, so werden die Steine hinter mir springen und die Hunde Zetermordio heulen. Alle. Rache! Rache! Rache! Diese Nacht noch! Fiesco. Da seid ihr, wo ich euch wollte. Sobald es Abend wird, will ich die vornehmsten Missvergnuegten zu einer Lustbarkeit bitten; naemlich alle, die auf Gianettinos Mordliste stehen, und noch ueberdies die Sauli, die Gentili, Vivaldi und Vesodimari, alle Todfeinde des Hauses Doria, die der Meuchelmoerder zu fuerchten vergass. Sie werden meinen Anschlag mit offenen Armen umfassen, daran zweifle ich nicht. Bourgognino. Daran zweifl' ich nicht. Fiesco. Vor Allem muessen wir uns des Meers versichern. Galeeren und Schiffsvolk hab' ich. Die zwanzig Schiffe der Doria sind unbetakelt, unbemannt, leicht ueberrumpelt. Die Muendung der Darsena wird gestopft, alle Hoffnung zur Flucht verriegelt. Haben wir den Hafen, so liegt Genua an Ketten. Verrina. Unleugbar. Fiesco. Dann werden die festen Plaetze der Stadt erobert und besetzt. Der wichtigste ist das Thomasthor, das zum Hafen fuehrt und unsere Seemacht mit der Landmacht verknuepft. Beide Doria werden in ihren Palaesten ueberfallen, ermordet. In allen Gassen wird Laerm geschlagen; die Sturmglocken werden gezogen, die Buerger herausgerufen, unsere Partei zu nehmen und Genuas Freiheit zu verfechten. Beguenstiget uns das Glueck, so hoert ihr in der Signoria das Weitere. Verrina. Der Plan ist gut. Lass sehen, wie wir die Rollen vertheilen. Fiesco (bedeutend). Genueser, ihr stelltet mich freiwillig an die Spitze des Komplotts. Werdet ihr auch meinen weiteren Befehlen gehorchen? Verrina. So gewiss sie die besten sind. Fiesco. Verrina, weisst du das Woertchen unter der Fahne?--Genueser, sagt's ihm, es heisst Subordination! Wenn ich nicht diese Koepfe drehen kann, wie ich eben will--versteht mich ganz--wenn ich nicht der Souveraen der Verschwoerung bin, so hat sie auch ein Mitglied verloren. Verrina. Ein freies Leben ist ein paar knechtische Stunden werth--Wir gehorchen. Fiesco. So verlasst mich jetzt. Einer von euch wird die Stadt visitieren und mir von der Staerke und Schwaeche der festen Plaetze Rapport machen. Ein Anderer erforscht die Parole. Ein Dritter bemannt die Galeeren. Ein Vierter wird die zweitausend Mann nach meinem Schlosshof befoerdern. Ich selbst werde auf den Abend Alles berichtigt haben und noch ueberdies, wenn das Glueck will, die Bank im Pharao sprengen. Schlag neun Uhr ist Alles im Schloss, meine letzten Befehle zu hoeren. (Klingelt.) Verrina. Ich nehme den Hafen auf mich. (Ab.) Bourgognino. Ich die Soldaten. (Auch ab.) Calcagno. Die Pa